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Adi Tiller: Der Abgang eines Bezirkskaisers

ÖVP-Bezirksvorsteher Adi Tiller in seinem Büro, das er Ende Oktober nach vier Jahrzehnten räumen wird.
ÖVP-Bezirksvorsteher Adi Tiller in seinem Büro, das er Ende Oktober nach vier Jahrzehnten räumen wird.(c) Michele Pauty
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Lang hat er nicht ans Aufhören denken wollen. Heute wird Adi Tiller 79 Jahre alt - und tritt nach 40 Jahren als Döblinger Bezirksvorsteher nun doch freiwillig ab.

Am Ende gab es für den Bezirkskaiser einen Dämpfer. Eigentlich hätte er ja eine flächendeckende Kurzparkzone von 14 bis 19 Uhr im Sinn gehabt. Aber wenn um Parkplätze gerauft wird, fallen auch in Döbling die Schranken des Anstands. Einige seiner ÖVP-Mandatare aus verkehrsmäßig umkämpften Gebieten seien von Anhängern des Parkpickerls regelrecht bedroht worden, schildert Adi Tiller. Und umgefallen. Nun wird es das Pickerl von neun bis 19 Uhr geben.

„Der Tiller hat diese demokratische Entscheidung zu akzeptieren“, sagt Tiller. Er spricht gern von sich in der dritten Person, es ist eines seiner Markenzeichen. Ein anderes sind seine markigen Sprüche. „Entscheiden tut der Herrgott, wann ich aufhöre“, zum Beispiel. Nun ist er ihm doch zuvorgekommen. „Einmal muss ja aus sein“, sagt er, und übergibt am 31. Oktober an seinen Nachfolger, Daniel Resch.

Stolze 40 Jahre lang war Tiller im Amt. Am 8. Oktober 1978 hatte die ÖVP erstmals die rote Mehrheit im Bezirk gebrochen. Eine Woche später wurde Karol Wojtyła zum Papst gewählt, zwei Wochen danach die Autorin dieser Zeilen geboren. Seither ist Tiller zwischen Heiligenstadt und Sievering unterwegs.

So auch am Montag vergangener Woche. Es ist früher Nachmittag, Tiller lenkt seinen schwarzen Golf hinauf in Richtung Leopoldsberg. Dort ist, nach einer sich über Jahre ziehenden Renovierung, die Burg samt Kirche wieder zugänglich. Tiller hat die Anlage im neuen Zustand noch nicht gesehen; dass eine Gruppe Pensionisten eine Führung erhält, nimmt er zum Anlass, sich umzuschauen. Tiller nimmt eine Abkürzung durch die Krapfenwaldgasse. Links liegt eine neue Villa, eines jener Exemplare, deren Einfahrtstore der Autor Michael Horowitz an Autobusremisen erinnern. Da hier die Autos den Berg herunterschießen, hat Tiller ein Warnschild anbringen lassen, jetzt kann die Familie leichter ausparken. „Firlefanz“, sagt der Bezirksvorsteher. „Das sind keine weltbewegenden Dinge. Aber es gibt den Leuten das Gefühl, dass man etwas für sie tut.“


Hände schütteln

Kurz zuvor hat er in der Grinzinger Allee an einer Ortsverhandlung teilgenommen. Eine Firma soll eine Zufahrt asphaltieren und braucht dafür ein Halteverbot; der Herr Inspektor ist da, eine Dame von den Wiener Linien. Beim Abschied berichtet der Magistratsbeamte von der goldenen Hochzeit seiner Schwiegereltern. Bei der Ehrung im Rathaus, da hätte laut Schwiegermutter der Tiller mit Abstand den meisten Applaus bekommen. Tiller wundert es wenig. „Ich geh halt von Tisch zu Tisch.“ 15.000 Ehrungen hat er in seinem Leben vorgenommen. Wo immer er auftaucht, schüttelt jemand seine Hand. „Ich bin weder besonders schön noch besonders g'scheit“, sagt Tiller, „aber ich red gern mit den Menschen.“

Sonntags geht er in eine der neun Döblinger Kirchen. „Dorthin, wo gerade etwas los ist. Da sprechen einen dann die Leute an.“ In der Brusttasche steckt sein handgeschriebener Kalender, in der Jackentasche ein gefaltetes Blatt Papier. Darauf notiert er die an ihn herangetragenen Anliegen. Jeder bekomme eine Antwort, selbst wenn sich nicht jedes Problem lösen lässt. „Aber dann erkläre ich, warum.“

Der Ausflug mit Tiller zum Leopoldsberg gerät zur Höhenstraßenrundfahrt. Er spricht über das Dauerthema der Pflastersteine, die neue Beleuchtung der Kirche am Kahlenberg. Das neue Besucher-WC, die Betonklötze, die das beliebte nächtliche Driften auf dem Parkplatz unmöglich machen sollen. Das geplante Sobieski-Denkmal, von dem es nur einen Sockel gibt, während die Stadt Wien mit den Polen über den Entwurf streitet. Ein neues Kreuz auf der Jägerwiese. Den Waldseilpark. Er werde übrigens ausgebaut – dort, wo eine Seilbahn hätte münden sollen; diese Idee sei damit hinfällig.

Im Amtshaus in der Gatterburggasse sieht es aus wie 1978. Hinter Tillers Schreibtisch hängt ein Gemälde. Es zeigt Josef Strobach, seinen Urgroßvater. Er war 1896 kurz Bürgermeister „und passt auf, dass ich keinen Blödsinn mach“. Tillers Vater hatte in Hernals eine Tankstelle. Er selbst fing in der Bank an, wurde Spezialist darin, in Abrechnungen „böhmische Fehler“, Ziffernstürze, zu finden. Später übernahm er die elterlichen Zapfsäulen. Der Unterschied sei gering: „Früher war der Kunde König, jetzt ist es der Bürger.“

Tiller hat eine Liste jener Verbesserungen angelegt, die er in den 40 Jahren umgesetzt hat. Auf drei Seiten drängen sich Ampeln, Radwege, Buslinien. Herzensprojekte? Der Biosphärenpark Wienerwald, der japanische Garten auf der Hohen Warte – und die acht Altersheime, die in seiner Ära gebaut wurden.

Am 8. Oktober, dem Jahrestag der Wahl, lädt Tiller zum Abschiedsfest auf den Kahlenberg. Für die Gäste gibt es ein Lebkuchenherz und ein Schnapsglas mit Döblinger Wappen sowie Tiller-Unterschrift. Er selbst trinkt nicht. Anfangs habe es böse Meldungen gegeben. Er habe den Winzern dann einfach erklärt, dass sie mit ihm und seinem Almdudler mehr Umsatz machen.

Tiller mag es pragmatisch. Als der Karl-Marx-Hof renoviert wurde und sich Mieter über die Bauarbeiten mokierten, ließ er sie in schon fertige Wohnungen umziehen. Bürgerbeteiligung habe er praktiziert, bevor es das Wort gab, Beleidigungen im Bezirksparlament unterbunden. „Ich bin Waage, ich gleiche das aus.“ Heute, Sonntag, feiert Tiller seinen 79. Geburtstag. Mit der Familie im Gasthaus – nachdem er beim Jubiläum des Pfarrkindergartens war.

STECKBRIEF

Am 30.9.1939 wurde Adi Tiller geboren, er wuchs in Wien Margareten auf.

Von 1957 bis 1965 arbeitete er in der Creditanstalt, danach übernahm er die Tankstelle seines Vaters, die er bis zu seinem Amtsantritt als Bezirksvorsteher führte. Daneben engagierte er sich im Wirtschaftsbund.

1969 wurde er ÖVP-Bezirksrat in Döbling, 1973 Bezirksvorsteherstellvertreter.

1978 gelang es ihm, die SPÖ-Mehrheit im Bezirk zu brechen. Seither ist er Bezirksvorsteher. Innerhalb der ÖVP Wien galt er als Machtfaktor.

Im Mai 2018 erhielt er von Michael Häupl das Große Goldene Ehrenzeichen Wiens, beim Neustifter Kirtag von Michael Ludwig den Goldenen Rathausmann.

Am 8. Oktober feiert Tiller auf dem Kahlenberg seinen Abschied, am 31. Oktober übergibt er an seinen Nachfolger, Daniel Resch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2018)