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Russland/Ukraine: Streit in der orthodoxen Kirche

Wunsch nach mehr Eigenständigkeit. Patriarch Filaret und der ukrainische Präsident, Petro Poroschenko.
Wunsch nach mehr Eigenständigkeit. Patriarch Filaret und der ukrainische Präsident, Petro Poroschenko.(c) REUTERS (Valentyn Ogirenko)

Die Gründung einer eigenständigen ukrainisch-orthodoxen Kirche erzürnt Moskau: Man spricht von "Abspaltung" und legt Beziehung zu Konstantinopel auf Eis.

Moskau/Kiew. Wer nach Kiew reist, dem stechen sie von Weitem ins Auge: die vielen goldenen Kuppeln, die auf dem weißen Gemäuer des Kiewer Höhlenklosters oberhalb des Dnipro thronen. Die „Lawra“ ist ein Wahrzeichen der ukrainischen Hauptstadt und gilt als Geburtsort der ostslawischen Orthodoxie. Das Kloster könnte bald zu einem der Austragungsorte eines Kirchenkonflikts mit politischer Note werden. Eines Kampfes um Kirchen und Klöster zwischen der Ukraine und Russland. Und um Dutzende Millionen Bürger. Drei Viertel der rund 45 Millionen Ukrainer fühlen sich einer der orthodoxen Kirchen zugehörig.

Anlass ist eine Entscheidung, die der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., unlängst getroffen hat. Er hat Kiew die Gründung einer eigenständigen ukrainisch-orthodoxen Kirche versprochen und zwei Gesandte mit Sondierungsarbeiten betraut. Bis Jahresende wird eine Entscheidung erwartet. Doch die Lage im Land ist haarig: Die orthodoxe Kirche in der Ukraine ist in drei Teile gespalten – und der dem Moskauer Patriarchat zugehörige Kirchenteil ist von der Idee der Autokephalie alles andere als begeistert.

 

Distanzierung von Russland

Schon seit Längerem kämpfen religiöse Würdenträger und Politiker in der Ukraine um eine Nationalkirche. 2008 versuchte Präsident Viktor Juschtschenko, Konstantinopel von der Autokephalie zu überzeugen – ohne Erfolg. Die gewünschte Autokephalie steht im Zusammenhang mit dem Pochen auf Eigenstaatlichkeit und insbesondere der Distanzierung von Russland, dessen Patriarchen, Kirill, die ukrainischen Gläubigen formell unterstehen. Der Euromaidan 2013/14 und der militärische Konflikt im Donbass haben den Wunsch noch befördert. Kirill machte sich mit seiner Nähe zu Präsident Wladimir Putin und seinem großrussisch-vereinnahmenden Blick auf den Konflikt bei vielen Ukrainern unbeliebt.

Dass Bartholomäus dem Drängen der Ukrainer nachgibt, hat auch mit innerorthodoxen Konfliktlagen zu tun. Das Moskauer Patriarchat beansprucht innerhalb der Weltorthodoxie mit ihren rund 300Millionen Gläubigen eine Vormachtstellung. Bartholomäus, der als ihr Oberhaupt im Phanar am Goldenen Horn residiert, ist um einen Ausgleich zwischen der griechischen und russischen Ausprägung bemüht. Der ökumenische Patriarch gilt als „Erster unter Gleichen“. Für seinen Ukraine-Entschluss wurde er von mehreren Kirchenvertretern – etwa serbisch-orthodoxen Bischöfen – kritisiert.

Innerhalb der Ukraine hallt der Kirchenzwist in den Abspaltungen nach. Ein Kirchenteil ordnet sich dem Moskauer Patriarchen, Kirill, unter. So gehört etwa die Kiewer Lawra zur „ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“. Sie verfügt über die meisten Gemeinden (12.328) und Priester (10.289) im Land. Allerdings sind seit Ausbruch des Krieges im Donbass 2014 Dutzende Gemeinden auf die Seite des Kiewer Patriarchats mit ihrem geistigen Anführer, Filaret, gewechselt, der zweiten orthodoxen Kirche. Schließlich gibt es noch die ukrainische autokephale Kirche, die aus der autokephalen Auslandskirche der Ukraine hervorgegangen ist. Fraglich ist, ob sich die Anhänger des Moskauer Patriarchats in die neue Nationalkirche eingliedern werden.

 

Ärger über Patriarch Bartholomäus

Die Loslösung des Kiewer Patriarchats 1992 war nicht kanonisch, wird also von der Kirchenspitze nicht anerkannt. Dass sich das Blatt nun wendet, führt vor allem in Moskau zu heftigen Reaktionen. Man spricht von einer neuen Kirchenspaltung und geißelt die widerspenstigen Ukrainer. Die Wortwahl erinnert an die politischen Vorwürfe der russischen Führung gegen das Nachbarland. Genauso wie man die ukrainische Nation infrage stellt, zieht man das Recht auf eine eigenständige Nationalkirche in Zweifel.

Moskau hat nun die Mitarbeit in den Konstantinopler Kirchengremien auf Eis gelegt – ein Schritt, der als Einfrieren der diplomatischen Beziehungen gewertet werden kann. Für Bartholomäus werde man nicht mehr beten, erklärte ein Kirchensprecher in Moskau. Bartholomäus scheint das nicht zu beeindrucken. Auch andere Landeskirchen hätten durch einen Tomos (Erlass) ihre Eigenständigkeit erhalten. „Und jetzt ist es Zeit für die Ukraine“, erklärte der Patriarch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2018)