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Urbane Strategien: Die Stadt der Zukunft

Wohnen am Park: Das Werksviertel in München setzt auf gemischte Nutzung für Arbeiten und Wohnen – und Freizeit.
Wohnen am Park: Das Werksviertel in München setzt auf gemischte Nutzung für Arbeiten und Wohnen – und Freizeit.(c) Steidl Architekten
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Die Menschen zieht es vermehrt in die Städte. Clevere Konzepte sind gefragt, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen und die Ballungsräume lebenswert zu erhalten. Die Messe Expo Real zeigt dazu eine Sonderschau.

Städte wachsen rasant: Allein in Wien werden in 15 Jahren um etwa 180.000 mehr Menschen leben als heute. Eine solche Entwicklung zeigt sich in fast allen Zentren rund um den Globus: Prognosen gehen davon aus, dass bis 2050 jeder Dritte in einer Metropole leben wird. Der Trend zur Stadt stellt eine Herausforderung für Politik, Stadtplaner und Immobilienwirtschaft dar. Es gilt, in relativ kurzer Zeit ausreichend und vor allem leistbaren Wohnraum zu schaffen und zugleich Mobilität und Lebensqualität zu sichern.

 

Fallbeispiel Werksviertel

Mit der Sonderschau „Intelligent Urbanization“ will die Messe Expo Real Konzepte für lebenswerte Metropolen von morgen zeigen. Eine der vier dort vorgestellten Beispiele für clevere Stadtplanung liegt nur zehn Minuten vom Messegelände entfernt: das Werksviertel München. Auf einem 39 Hektar großen Areal rund um den Münchner Ostbahnhof entsteht in den kommenden Jahren ein neues Stadtviertel mit rund 1150 Wohnungen, 7000 Arbeitsplätzen, Schulen und verschiedensten Freizeiteinrichtungen.

Außergewöhnlich bei diesem Projekt sind schon die Eigentumsverhältnisse des Areals. Es befindet sich im Besitz von neun Unternehmen bzw. Privatpersonen, deren unterschiedliche Interessen auf einen Nenner gebracht werden mussten. „Dazu war natürlich ein ausführlichen Dialog erforderlich“, erzählt Stephan Georg Kahl, Geschäftsführer der R&S Immobilienmanagement, die auf dem Gelände Bürobauten errichtet. Der Dialog und der lange Planungsprozess, bei dem auch die Stadt München eine wesentliche Rolle spielte, habe sich letztlich gelohnt, meint Kahl, „denn für den Erfolg eines langfristigen und nachhaltigen Immobilienkonzepts spielen Investitionen durch den Eigentümer eine wesentliche Rolle.“

Das Münchner Werksviertel setzt auf eine gemischte Nutzung für Arbeiten, Wohnen und Freizeit, „es wird ein buntes, lebendiges Quartier“, schwärmt Kahl. 340 geförderte Wohnungen werden für soziale Durchmischung sorgen.

Ein Highlight des Viertels wird der zweite Münchner Konzertsaal sein, künftig die Heimat des bayrischen Rundfunkorchesters. Besonderes versprechen auch die Büros: „Wir werden im Werksviertel innovative Bürokonzepte realisieren, die losgelöst von den alten Monostrukturen außergewöhnliche Aufenthaltsqualität bieten“, lobt Kahl das iCampus genannte Projekt seines Unternehmens.

 

Alles bewegt sich

Bei der Mobilität werden Öffis, Fahrräder und Fußwege im Mittelpunkt stehen. „Die Verdichtung im innerstädtischen Raum führt zu Verkehrsbelastungen, die man nur so bewältigen kann“, argumentiert Kahl. Großzügige Freiräume sind ebenfalls vorgesehen. Damit wird im Münchner Werksviertel geboten, was sich Experten für eine intelligente Stadtplanung wünschen: gemischte Nutzung, kurze Wege, umweltfreundliche Mobilität und Begegnungszonen.

Letztere sorgen für die Vernetzung einer Stadt abseits der digitalen Technik: „Attraktive öffentliche Räume, die Begegnung und Kommunikation fördern, sind wichtig für die Lebensqualität einer Stadt“, postuliert etwa Rudolf Giffinger, Universitätsprofessor für Stadt- und Regionalforschung an der TU Wien. Das Schaffen von Begegnungszonen allein sei aber zu wenig. „Sie müssen moderiert, bespielt werden, damit sie sich mit Leben füllen“, argumentiert Sabine Pollak, Universitätsprofessorin für Architektur und Urbanistik an der Kunstuni Linz. Für die Architektin ist „intelligent urbanization“ eine große Herausforderung, die über klassische Stadtplanung hinausgeht. „Wünschenswert ist stärkere Zusammenarbeit mit Experten, etwa aus den Bereichen Soziologie und Kunst.“ Einigkeit herrscht darüber, dass „intelligent urbanization“ in sehr vielen Fällen Verdichtung nach oben – sprich Hochhäuser – bedeutet. Diese können durchaus eine Bereicherung für die Stadt sein. Pollak: „Hochhäuser in Chicago, ältere Bauten in New York haben großartige architektonische Qualitäten.“

Verdichtung, um Platz für die wachsende Bevölkerung zu schaffen, erfordert auch optimale Nutzung des Bestands. Damit verbundene komplexe Revitalisierungen sind meist eine noch schwierigere Aufgabe als Erweiterungen am Stadtrand, „das ist die Meisterklasse der Immobilienentwicklung“, behauptet Peter Ulm, Vorstandsvorsitzender von 6B47. Sein Unternehmen führt immer wieder solche Projekte durch. Derzeit setzt 6B47 etwa im Althan-Viertel Akzente. Unter anderem wird dort die Postdirektion Süd, ein Bürogebäude aus den Achtzigerjahren, in ein Wohnhaus umgewandelt. „Solche Projekte bieten echte Chancen für die Stadtentwicklung, aber es bedarf vieler Kreativität, um optimale Lösungen zu schaffen“, erzählt Ulm.

Nicht nur gute Ideen sind erforderlich – auch Wirtschaftlichkeit. Die Entwickler seien mit hohen Grundstückspreisen und deutlich gestiegenen Baukosten konfrontiert, berichtet Ulm: „Wir müssen uns noch mehr Gedanken machen, wie wir die Nutzungen der Projekte etwa durch smarte Gemeinschaftseinrichtungen oder effizientere Grundrisse steigern können, damit Wohnen in der Stadt noch halbwegs leistbar bleibt.“

AUF EINEN BLICK

2050 lebt jeder dritte Mensch in einer Metropole – glaubt man den Prognosen. Für die Stadtplanung eine Herausforderung: Wie kann man für so viele Menschen moderne Lebensqualität und Mobilität schaffen? Experten setzen auf eine interdisziplinäre Herangehensweise, um alte Substanz, immerwährende Grundbedürfnisse, neue Technologie und zukünftige Anforderungen im Städtebau zu berücksichtigen und für neue Ideen nutzen zu können.