Zum Jahrestag von #MeToo

Nein, ihr seid nicht gemeint, ihr Männer, die ihr manchmal patschert flirtet oder einen blöden Witz macht. Wir reden von den anderen, die tun, was ihr euch nicht vorstellen wollt.

Das ist also passiert: Eine Freundin hat bei einem Meeting einen neuen Kollegen aus einer anderen Abteilung kennengelernt und sich auf Anhieb gut mit ihm verstanden. Wellenlänge und so. Sie hatten die gleichen Argumente, fanden ganz ähnliche Sachen blöd, anschließend haben sie noch einen Kaffee getrunken und herumspintisiert, vielleicht wird ein gemeinsames Projekt daraus, es war super. Als sie sich dann verabschiedet haben, hat er sie spontan umarmt. Es hat sich richtig angefühlt, sagt die Freundin, ohne Hintergedanken, es war einfach ein Zeichen der Verbundenheit, gibt es eh viel zu selten.

Drei Stunden später hat der Kollege ein langes Mail geschickt. Er entschuldigte sich. Er hoffte, sie sei ihm nicht böse!

Das ist auch passiert: Ein langjähriger Freund hat mir von einem ehemaligen Mitschüler erzählt, der beschuldigt worden ist, Praktikantinnen zu bedrängen. Eine habe er sogar in der Toilette der Kanzlei vergewaltigt. Mein Freund war überzeugt, dass an den Vorwürfen nichts dran sein kann, so etwas habe der doch gar nicht nötig, sein ehemaliger Mitschüler sei früher ein richtiger Frauenschwarm gewesen, schaue immer noch toll aus, außerdem habe er Geld genug, also wenn er schon unbedingt... Und überhaupt: Er könne sich das nicht vorstellen!

Ich sagte ihm, dass sein Schulkamerad vielleicht wirklich unschuldig sei. Aber vorstellen, oja, könne ich mir das schon.


Blöde Witze. Zwei auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Geschichten, die aber eines gemeinsam haben: Beide Männer haben das Gefühl, dass #MeToo irgendetwas mit ihnen persönlich zu tun hat. Der eine entschuldigt sich für eine liebenswürdige Geste. Der andere glaubt, die Männer da draußen, also zumindest die, die er kennt, seien alle wie er selbst – nämlich außerstande, einer Frau Gewalt anzutun.

Aber es geht nicht um euch. Nicht um eure vielleicht patscherten Flirtversuche. Um den blöden Witz, der euch rausgerutscht ist, das Kompliment, das vielleicht falsch aufgefasst werden könnte. Es geht auch nicht darum, dass ihr manchmal einer Frau auf den Busen starrt oder sie euch beim Masturbieren vorstellt. Es geht überhaupt erstaunlich wenig um Triebe: Es geht um Macht, um Männer, die sie massiv und kontinuierlich missbrauchen und die daran Spaß haben. Und die keinen Augenblick einen Gedanken daran verschwenden, wie es den Frauen dabei geht.

Und solche Männer gibt es. Das solltet ihr uns glauben.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2018)

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