„Wo also ist Herr Khashoggi?“

Türkische Führung fordert Ermittlungen. Ein türkischer Polizist vor dem saudischen Konsulat in Istanbul.
Türkische Führung fordert Ermittlungen. Ein türkischer Polizist vor dem saudischen Konsulat in Istanbul.(c) APA/AFP/OZAN KOSE (OZAN KOSE)

Nach dem Verschwinden des Journalisten Jamal Khashoggi verliert Riad im Westen an Unterstützung. Türkische Medien veröffentlichen Fotos der mutmaßlichen Killer.

Washington/Istanbul/Wien. Glaubt man den Darstellungen in türkischen Medien, so müssen sich am 2. Oktober im saudischen Konsulat in Istanbul schauerliche Szenen abgespielt haben: Ein fünfzehnköpfiges Sonderkommando reiste demnach eigens aus Saudiarabien an, um einen lästigen Kritiker des saudischen Kronprinzen, Mohammed bin Salman, zum Schweigen zu bringen. Der saudische Journalist Jamal Khashoggi war ins Konsulat wegen seiner Dokumente für seine Scheidung gekommen. Doch er ging offenbar in eine Falle. Das Sonderkommando wartete schon auf ihn.

Khashoggi sei getötet und seine Leiche vermutlich zerteilt worden. Mit der Hilfe eines Autopsieexperten des saudischen Geheimdiensts, wie nun die türkische Zeitung „Sabah“ schrieb. Türkische Medien haben die gesamte Namensliste und die Fotos der fünfzehn angereisten Agenten veröffentlicht. Die saudische Führung bestreitet aber weiterhin vehement, etwas mit dem Verschwinden Khashoggis zu tun zu haben. Der Journalist habe das Konsulat wohlbehalten wieder verlassen, heißt es aus Riad.

 

London droht Riad mit Konsequenzen

Doch der internationale Druck auf Saudiarabien steigt. Am Donnerstag drohte die britische Regierung der saudischen Führung mit schwerwiegenden Folgen. „Sollten die Anschuldigungen zutreffen, werde das gravierende Konsequenzen haben, da unsere Freundschaft und Partnerschaft auf gemeinsamen Werten basiert“, sagte der britische Außenminister, Jeremy Hunt. Der Verbleib des Journalisten müsse geklärt werden. „Sie sagen, dass die Anschuldigungen falsch sind. Wo also ist Herr Khashoggi?“

Und auch Donald Trump meldete sich zu Wort. Er versuchte zwar – für seine Verhältnisse – sehr diplomatisch zu formulieren, denn immerhin gelten Saudiarabiens Machthaber als besonderere Freunde des US-Präsidenten. Doch seine Worte waren deutlich genug: „Ich bin nicht glücklich darüber“, sagte der US-Präsident vor Reportern im Oval Office zum mysteriösen Verschwinden des kritischen saudischen Journalisten. Auf die Frage, ob er dazu Antworten der saudischen Führung verlange, meinte er: „Ja, das tun wir. Wir verlangen alles.“

Khashoggis türkische Verlobte, Hatice Cengiz, hatte sich zuvor an Trump gewandt und um Hilfe gebeten. Trumps Schwiegersohn, Jared Kushner, der gute Beziehungen zur saudischen Führung hat, und auch US-Sicherheitsberater John Bolton sollen deshalb bereits mit dem saudischen Kronprinzen, Mohammed bin Salman, gesprochen haben.

Khashoggi hat sich in seiner früheren Heimat mächtige Feinde gemacht. Erst hat er als Berater des Prinzen Turki ibn Faisal und als Direktor der Zeitung „al-Watan“ gearbeitet. Danach ging er aber ins Exil und trat als scharfzüngiger Kritiker der saudischen Führung auf. Insbesondere Kronprinz Salman geriet dabei ins Visier des Journalisten, der regelmäßig Kolumnen für die „Washington Post“ verfasste.

Der Kronprinz persönlich soll auch hinter dem Vorgehen gegen Khashoggi stecken. Das schreibt nun zumindest die „Washington Post“. Der US-Geheimdienst habe Mitteilungen saudischer Regierungsvertreter abgefangen, in denen über eine Entführung Khashoggis beraten worden sei. Den Auftrag zur Operation habe Kronprinz Salman gegeben. Laut diesem Plan wollte man den unliebsamen Journalisten aus seinem Wohnsitz im US-Bundesstaat Virginia nach Saudiarabien verschleppen.

 

Journalist misstraute Rückkehrangebot

Zugleich habe Khashoggi laut Auskunft seiner Freunde in den vergangenen vier Monaten mehrmals das Angebot erhalten, nach Saudiarabien zurückzukehren. Beamte, die Kronprinz Salman nahestehen, sollen ihm Straffreiheit und einen hohen Posten versprochen haben. Der Journalist sei aber misstrauisch gewesen und habe sich nicht darauf eingelassen.

Auch die türkische Regierung erhöhte am Donnerstag den Druck auf Saudiarabien. Die Türkei könne nicht länger „still bleiben“, sagte Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Er verlangte vom saudischen Konsulat in Istanbul, die Überwachungsvideos aus dem Gebäude herauszugeben. „Ist es möglich, dass es in einem Konsulat, einer Botschaft kein Kamerasystem gibt?“, kritisierte Erdoğan laut der Zeitung „Hürriyet“.

Im saudischen Konsulat behauptet man, die Überwachungskameras seien ausgerechnet am Tag von Khashoggis Besuch ausgefallen. (APA/AFP/w. s.)

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