Schnellauswahl

Wie man ein Volk erfindet

Vor 150 Jahren gab es keine Türken. Man kann diesen Satz als Provokation empfinden oder als kathartische Befreiung von nationalen Phantasmen. Eine kleine Irrfahrt durch die Genese eines Staatsvolks.

Alle Staatsvölker, so der aufgeklärte Stand des Wissens, seien in gewisser Hinsicht konstruiert, was nichts daran ändere, dass sie mittlerweile fassbare Realität geworden sind. Doch gibt es Völker, die konstruierter sind als andere? Natürlich, die Türken zum Beispiel, was keine eurozentrische Abfälligkeit ist, denn dieses Schicksal teilen sie mit den Österreichern. Beiden ist gemeinsam, dass jene Bevölkerungsteile, die sich sprachlich und kulturell im Windschatten ihrer jeweiligen dynastischen Macht wähnten, den Nationalismus als neuesten Kampfschrei der Geschichte verschlafen hatten, anders als ambitionierte Minderheiten und Separatisten (Ungarn, Slawen, Griechen, Armenier), und als Residuen im wechselseitigen Spiel der Nationalisierung übrig blieben. Österreicher pendelten fortan ratlos zwischen deutscher und einer neuen österreichischen Identität hin und her, Türkischsein aber wurde per Dekret von oben verordnet. Und je unsicherer diese neue Identität in den Knien knickte, umso so unerbittlicher wurde sie auf den Exerzierplatz gezerrt.