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Der perfekte Online-Händler: Ein Roboter

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Während viele Branchen noch über die Folgen der Digitalisierung diskutieren, ist der Handel bereits mitten drin. Angetrieben von Tech-Giganten wie Amazon verlagert sich das Geschäft sukzessive ins Internet - und bringt neue Anforderungen an das Personal.

Dass der reichste Mensch der Welt sein Vermögen im Online-Handel gemacht hat, zeigt die Vorreiterrolle des E-Commerce im digitalen Wandel. Aus einer kleinen Internet-Verkaufsplattform für Bücher hat Jeff Bezos ein weltumspannendes Handelsimperium geschaffen: Amazon gibt heute die Entwicklungen im Online-Versandhandel vor, setzt neue Standards in nachgelagerten Branchen wie der Logistik und bestimmt, wie hunderttausende Menschen künftig ihre Arbeit verrichten werden.

Doch bisher ist der US-Konzern eher mit Negativschlagzeilen über prekäre Arbeitsbedingungen aufgefallen als mit Visionen über moderne Arbeitsformen. Betrachtet man zudem die Forschungstätigkeit Amazons in Richtung Automatisierung, wird eines schnell klar: Der ideale Mitarbeiter der Zukunft ist für den größten Online-Händler der Welt kein Mensch, sondern ein Roboter.

Jeder dritte Euro wird online umgesetzt
„Der Handel ist eine der wettbewerbsintensivsten Branchen der Welt. Und in unseren Breitengraden dominiert ihn Amazon“, sagt Harald Gutschi, Vorstandssprecher von Unito, einem Tochterunternehmen der deutschen Otto Gruppe. In Österreich ist der Konzern mit 270 Millionen Euro Umsatz der zweitgrößte E-Commerce-Händler – hinter Amazon und vor Zalando. Trotz der unbedeutenden Landesgröße ist Österreich ein lukrativer Markt: 7,2 Milliarden Euro werden hierzulande pro Jahr für den Internet-Einzelhandel ausgegeben, am meisten für Bekleidung, Elektrogeräte und Bücher. Jeder dritte Euro im Handel wird bereits online umgesetzt. Die Wachstumsraten sind dabei rund zehn Mal so hoch wie im klassischen stationären Geschäft. Mehr als die Hälfte der Online-Einkäufe wird bei ausländischen Anbietern getätigt, der Großteil davon entfällt auf Amazon. So wird der Tech-Gigant auch in Österreich die Zukunft des Handels maßgeblich vorgeben. Auch in puncto Beschäftigung handelt es sich um einen bedeutenden Wirtschaftszweig: Knapp 600.000 Menschen sind in Österreich im Handel beschäftigt.

Fachkräftemangel in Österreich
Obwohl das Geschäft von Unito mit einem Wachstum von 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr hervorragend läuft, bereitet Gutschi sein Unternehmen bereits auf die Transformation vor: „Die Veränderungen sind massiv, natürlich auch beim Personal.“ Doch die zahlreichen Horrorszenarien, dass in den nächsten zehn Jahren wegen der Automatisierung und Digitalisierung tausende Arbeitsplätze wegfallen, kann der Unito-Chef nicht nachvollziehen:

„Ich glaube nicht, dass im E-Commerce nur noch Roboter arbeiten werden. Ganz im Gegenteil, durch die technischen Entwicklungen kommen ständig neue Bereiche hinzu.“

Unito hätte heute nicht weniger Beschäftigte als noch vor einigen Jahren, obwohl zahlreiche Prozesse automatisiert worden seien, so Gutschi.

Es entstehen neue Jobs, die neue Qualifikationen erfordern. Unabhängig davon, was in Zukunft auf die Branche alles zukommt, gibt es bereits heute erhebliche Probleme, passendes Personal zu finden. „Das Ausbildungssystem ist noch überhaupt nicht auf die neue Arbeitswelt vorbereitet. Es ist unglaublich schwierig, die richtigen Mitarbeiter am Markt zu finden“, sagt Gutschi. Vor allem in Österreich gäbe es kaum Fachkräfte, die die Digitalisierung aktiv mitgestalten könnten – das treffe nicht nur auf den Handel, sondern auch auf andere Branchen zu.

Damit Österreich im Zuge der Digitalisierung nicht zurückfällt, fordert Gutschi schnelle Anpassungen des Bildungssystems an die neue Situation: „Wir haben noch einen riesigen Gap zwischen dem, was wir in Zukunft brauchen werden und dem, was in der Schule gelehrt wird.“ Dabei geht es nicht nur darum, ob im Unterricht mit Laptops gearbeitet wird, sondern um neue Formen der Wissensvermittlung und Zusammenarbeit: Agilität ist dabei das Stichwort. Heute muss schneller, dezentraler, in Gruppen mit flachen Hierarchien und in anders gestalteten Räumen gelehrt – und später auch gearbeitet werden. „Die Arbeitswelt, in der wir heute tätig sind, ist nicht mehr mit der von vor fünf Jahren vergleichbar“, so der Unito-Chef.

Verschiebung statt Vernichtung
Ähnlich wie Gutschi glaubt auch Martin Sonntag, Obmann des Versand- und Internethandels der Wirtschaftskammer Österreich, nicht, dass es in der Branche zu einem herben Verlust von Stellen kommen wird: „Es wird keine Arbeitsplatzvernichtung, sondern eine Arbeitsplatzverschiebung geben“, sagt Sonntag und nennt ein Beispiel: Nach dem 2. Weltkrieg gab es in Linz mehrere dutzend Wäschereien, heute gibt es nur mehr zwei. Trotzdem sei kein einziger Wäscher arbeitslos gemeldet, denn die hätten sich zu Servicetechnikern gewandelt, die heute private Waschmaschinen reparieren.

Etwas pragmatischer sieht die Entwicklungen im Online-Handel Piran Asci, Geschäftsführer von KoRo, einem Berliner Online-Start-Up für den Verkauf von Lebensmitteln: „Der Kern von E-Commerce ist, bestehende Prozesse wie Bestellvorgänge, Rechnungsversand oder Artikelpflege möglichst schlau miteinander zu vernetzen und zu automatisieren. Das Ziel ist, im daily business nichts mehr damit zu tun zu haben und unendlich viele Bestellungen abwickeln zu können, ohne zusätzliche Kosten zu haben.“ Das sei es auch, was E-Commerce so attraktiv und erfolgreich macht: Niedrige Preise durch sinkende Kosten. „Der Wegfall von Arbeitsplätzen ist vorprogrammiert, vor allem dort, wo heute die Ware manuell sortiert und verpackt wird – das werden Roboter übernehmen, hier werden massiv viele Jobs verloren gehen“, sagt Asci, dessen Online-Shop vier Jahre nach der Gründung bereits mehr als drei Millionen umsetzt und rund 100.000 Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz beliefert.

Dass die wegrationalisierten Arbeitsplätze alle wieder in anderen Bereichen wie in der Technik neu entstehen werden, glaubt Piran nicht – dafür gäbe es zu viele standardisierte Software-Produkte am Markt, die den Händlern fertige Online-Shops samt Updates zur Verfügung stellen. „Für die Großen wie Amazon, Zalando oder Otto zahlt es sich aus, sich mit einem eigenen Entwickler-Team einen Vorsprung zu verschaffen, aber für die meisten Händler lohnt sich das nicht.“