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Das Handtuch aus der Grenzregion

Vossen-Chef Paul Mohr sucht neue Märkte, damit seine 30 Webmaschinen auch am Wochenende zu tun haben.
Vossen-Chef Paul Mohr sucht neue Märkte, damit seine 30 Webmaschinen auch am Wochenende zu tun haben.Guenther PEROUTKA / Picturedesk.com
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Vossen will die Chinesen für Handtücher aus dem Südburgenland gewinnen. Dass die Firma dort noch produziert, verdankt sie geduldigen Investoren. Aber ohne neue Kunden wird es eng.

Wien. Für Wiener ende das Burgenland oft bei Mörbisch, sagt Paul Mohr. Sein Textilunternehmen Vossen liegt nah der ungarisch-slowenischen Grenze und damit deutlich südlich des Wahrnehmungsradius. Dass dort 30 Webstühle Tag und Nacht Frottierstoffe weben, sorge regelmäßig für Erstaunen.

Dass Vossen im südburgenländischen Jennersdorf produziert, ist der Legende nach dem ehemaligen Chef Burghard Vossen zu verdanken. Der war begeisterter Jäger. Die dünn besiedelte Region eignete sich fürs Hobby und ein Werk, das die Frottierstoffe für Bademäntel und Handtücher spinnen und in die deutsche Zentrale liefern sollte.

Vossen ging 1996 pleite. Wie viele europäische Textilfabriken, die nicht mit der billigen Konkurrenz aus Asien mithalten konnten. Die Webstühle in Jennersdorf liefen weiter. Das Burgenland wollte einen der wenigen großen Arbeitgeber in der Region nicht aufgeben. Erst seit 2004 ist Vossen wieder privat und gehört zum internationalen Garnhersteller Linz Textil.

In der Heimtextilbranche geht alles langsamer, träger. Selbst der Konkurs kam zögerlich. Und bis sich der überlebende Rest der Firma im Burgenland erholte, dauerte es noch länger: „Seit fünf Jahren schreiben wir schwarze Zahlen“, sagt Mohr. Der Investitionsstau habe sich nach jährlichen Millioneninvestitionen gelegt. Heuer will er 37 Mio. Euro umsetzen. Und in vierzig Jahren vielleicht den Rang einer Weltmarke erreichen.

Nach zwölf Jahren im Unternehmen weiß Mohr, dass der Horizont nicht weit gesetzt ist. Er weiß, dass Handtücher alle zehn Jahre gekauft werden. Dass sich Farbtrends fünf Jahre halten. Und dass seine Linie „Calypso“ von Sänger Roberto Blanco vor 30 Jahren eingeweiht wurde – und noch immer in deutschen Badezimmern liegt.

 

Raus aus dem Badezimmer

In Jennersdorf gibt man sich Mühe, innovativ zu sein. Man wolle „aus dem langweiligen Badezimmer“ und „zu einem Lifestyleprodukt“ werden. Mittlerweile sieht man Bademäntel aus Jennersdorf auf internationalen Modeschauen. Familien dämmen mit recycelten Frottiertüchern der Burgenländer. Es gibt eine vegane Kollektion, bei der auf tierische Eiweiße und Enzyme verzichtet wird. Und eine Fairtrade-Kollektion mit Baumwolle einer fair bezahlten indischen Kooperative. Regionalität und Nachhaltigkeit schreibt man sich sowieso groß auf die Fahnen.

Aber das reicht nicht, um die Webmaschinen die ganze Woche beschäftigt zu halten (gesponnen wird aus Rentabilitätsgründen lange nicht mehr). Sie laufen Montagfrüh bis Samstagmittag. 5,5 Millionen Stück Frottierware verlassen pro Jahr das Werk und werden fünf Kilometer weiter im ungarischen Schwesterbetrieb zusammengenäht. Jetzt sucht Mohr nach Auslastung für das restliche Wochenende.

„Wir müssen wachsen, um die Kosten unter Kontrolle zu halten.“ Sonst würde man zwischen billiger ausländischer Frottierware – das seien 90 Prozent der Handtücher – und der Inflation zerrieben.

 

Ein gallisches Dorf

Vossen exportiert 65 Prozent, das meiste in Europa. Aber der Markt ist voll. In jedem Land sitze ein Familienunternehmen. Also geht Mohr dorthin, wo der Mitbewerb herkommt: Asien. Über Partner in Singapur, Seoul und Hongkong will er den Markt entern. Bisher sei das „überschaubar und mit viel Hoffnung gepaart“. Die wachsende chinesische Mittelschicht liebe Qualität aus Europa. Man müsse sich WMF-Küchen ansehen, die dort reißend Absatz finden. Ähnliches gilt für Bettwäsche oder Babynahrung. Mit Handtüchern habe es noch keiner probiert.

Im Wettbewerb fühle sich Jennersdorf manchmal wie das gallische Dorf an. „Uns umstellen nicht die Römer, sondern Chinesen, Bangladescher und Pakistaner.“ Es habe einen Vorteil gegenüber dieser Armee: Nachhaltigkeit nehme man Südburgenländern eher ab.

Compliance-Hinweis:
Die Redakteurin war mit Fairtrade Österreich in Jennersdorf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2018)