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Schiele im Belvedere: Tausche Wally gegen Buben

Franz Martin Haberditzl war der Belvedere-Direktor, der 1918 das erste Schiele-Gemälde für Österreich ankaufte, die „Edith“. Ein Jahr zuvor hatte Schiele dieses Porträt seines „Seelenfreundes“ gemalt. Haberditzl verging in Gram und starb 1944.
Franz Martin Haberditzl war der Belvedere-Direktor, der 1918 das erste Schiele-Gemälde für Österreich ankaufte, die „Edith“. Ein Jahr zuvor hatte Schiele dieses Porträt seines „Seelenfreundes“ gemalt. Haberditzl verging in Gram und starb 1944.(c) Belvedere/Johannes Stoll
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In der Orangerie wird uns 100 Jahre nach dem Tod Egon Schieles vorgeführt, wie Österreich mit dessen Werk umgegangen ist. Eine hochinteressante Ausstellung.

Beginnen wir mit einem Ratespiel: Wie viele Gemälde von Egon Schiele, dem neben Klimt wichtigsten österreichischen Künstler des 20. Jahrhunderts, besitzt das Belvedere, 1903 als „Moderne Galerie“ Österreichs gegründet? 16, inklusive einer Dauerleihgabe (Schieles Hauptwerk umfasst über 200). Wie viele Einzelausstellungen wurden Schiele hier in den 100 Jahren seit seinem Tod ausgerichtet? Vier. Die fünfte beginnt heute und erzählt die Geschichte dieser erbärmlichen Zahlen, hinter denen sich zum Teil unglaubliche Geschichten verbergen, die das Verhältnis zwischen Schiele und Österreich recht bezeichnend spiegeln.

Ein Gemälde kann als Zentrum dieses hier von Kuratorin Kerstin Jesse penibel aufgespannten Nervensystems bezeichnet werden, das tatsächlich alle Bilder umfasst, die nicht nur heute, sondern jemals in der Belvedere-Sammlung aufgeschienen und durch Museumsreformen und Tauschgeschäfte auch wieder gegangen sind: das Porträt, das Schiele 1917 vom damaligen Direktor Haberditzl gemalt hat. Schiele wollte es malen, genauso wie er unbedingt angekauft werden wollte, in karrierebewusster Schleimerei war er durchaus ein echter Wiener. Allerdings kaufte Haberditzl schon vor der Porträtsitzung Gouachen Schieles an und scheint sowieso ein besonderer Mensch gewesen zu sein, von Schiele bald „Seelenfreund“ genannt. 1918 war es dann so weit, Haberditzl erwarb noch zu Lebzeiten Schieles sein erstes Gemälde, das großformatige Porträt von Gattin Edith, die später in diesem Jahr wie Schiele selbst an Spanischer Grippe sterben sollte.

 

Edith trug die Felder der Erde am Leib

Ediths Bild ist der Schlusspunkt der Ausstellung, man zeigt daneben auch eine recht grell wirkende Rekonstruktion des ursprünglichen Zustands, in dem Ediths Rock noch ein erdiges Rechteckmuster aufweist, als trüge sie eine aus der Vogelperspektive betrachtete Landschaft aus Feldern am Leib. Es soll Haberditzl gewesen sein, der Schiele eine elegantere Überarbeitung vorgeschlagen hat, was allerdings nicht belegbar ist, so Jesse. Alle Belvedere-Bilder wurden jedenfalls im Zuge der Ausstellung maltechnisch untersucht, was weniger inhaltliche Neuerungen zum Vorschein brachte als die Bestätigung der Wichtigkeit des Leinwandgrunds für Schieles Bildaufbau, nun gut.

Auch das größte Mysterium des Schiele-Belvedere-Bestands konnte nicht gelöst werden, was einer Sensation gleichgekommen wäre: die spurlos in den Inventarwirren von Belvedere und Albertina verschwundene Schenkung, die der Pariser Modeschöpfer Paul Poiret 1911/12 an das Belvedere machte und die u. a. 14 Schiele-Aquarellen enthielt. Es waren die ersten Schiele-Werke überhaupt in staatlichem Besitz, noch vor Haberditzls Ankäufen. Haberditzls weiteres Schicksal war ein trauriges: 1938 wurde er von den Nazis durch seinen engsten Mitarbeiter, Bruno Grimschitz, ersetzt, der dem im Rollstuhl sitzenden Vorgänger Hausverbot erteilte. Haberditzl verließ aus Gram bis zu seinem Tod 1944 die Wohnung nicht mehr.

Unter dem ersten ordentlichen Direktor nach dem Krieg, Karl Garzarolli-Thurnlackh, kam es zu unglaublichen elf Schiele-Ankäufen, die teilweise wild mit Rudolf Leopold getauscht wurden, die „Wally“ gegen den Reinerbuben, „Kardinal und Nonne“ gegen einen Klimt und noch einiges etwa. Bei manchen dieser Täusche in dieser Zeit allgemein möchte man sich die Haare raufen. Danach gab es weiters sukzessive Ankäufe, immer weniger, dem Gesetz des wachsenden Kunstmarkts und der schrumpfenden nationalen Ankaufswilligkeit folgend. Der letzte Ankauf war, so schließt sich der Kreis, 2003 das Haberditzl-Porträt unter Direktor Gerbert Frodl. Nachfolgerin Agnes Husslein konnte immerhin zwei Dauerleihgaben sichern, darunter eine schöne dunkle Stadt der Erste Bank.

Zur Restitution kam es nur in einem Fall, 2006 zur Rückgabe der frühen Ölskizze einer Wiesenlandschaft an die Erben nach Heinrich Rieger. Das mittlerweile einzige Schiele-Werk der Sammlung, das heute noch eine fragwürdige Provenienz aufweist, sind, so Jesse, die „Vier Bäume“ (1917), von Leopold als „das gelungenste Landschaftsbild Schieles“ bezeichnet. Wie es in der NS-Zeit von den jüdischen Sammlern Josef und Alice Morgenstern in die Wiener Galerie Neumann gelangt ist, von wo es 1943 Belvedere-Direktor Grimschitz angekauft hat, ist ungeklärt. Wie auch die Frage, ob es noch Nachfahren des Ermordeten und der Vertriebenen gibt. Der melancholische Eindruck des sonnenroten Himmels hinter den vier einsamen Bäumen liegt über allem hier, über der Ausstellung, ihrer Geschichte und natürlich über Schieles Werk als solchem. Am 31. Oktober vor 100 Jahren starb er also. Am Abend vor Allerheiligen, schauriges Halloween.

Belvedere Orangerie, bis 17.2., tägl. 10–18, Fr bis 21 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2018)