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Sebastian Kurz – halb Mozart, halb Hitler?

Sebastian Kurz.
Sebastian Kurz.(c) REUTERS (POOL)
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Was haben das Kurz-„Newsweek“-Cover, die neue Folge der SPÖ-Soap-Opera und die vermeintliche BVT-Affäre gemein? Das Augenmaß ist verloren gegangen. Völlig.

Der Photoshop-Einsatz beeindruckt vermutlich sogar die Grafik-Seals der neuen türkisen Bewegung. Auf dem jüngsten „Newsweek“-Cover schaut Sebastian Kurz weniger wie Sebastian Kurz denn wie ein junger Cäsar im JVP-Outfit aus – oder eben wie ein junger Politiker, der von Leni Riefenstahl gecastet wurde. Diese journalistisch unheiligen Mittel hatten einen klaren Zweck: Kurz als den neuen starken und gefährlichen Mann Europas darzustellen. Dabei fand die nach Wien entsendete Redakteurin laut Bildtext sogar einen anonym bleibenden Wiener, der Kurz wegen seines aalglatten Auftretens mit Patrick Bateman aus „American Psycho“ verglich. Für diejenigen, die den großartigen Thriller nicht gelesen haben: Mr. Bateman liebt Anzüge sowie Musik der Achtziger, mordet und foltert junge Frauen in New York Serie.

Sonst lässt „Newsweek“ kaum ein Klischee aus, um den Siegeszug des „Wunderkinds“ zu verstehen und zu erklären – irgendwo zwischen Mozart und Hitler. Das einst mächtige Magazin sieht Kurz dank seiner Haltung in der Flüchtlingsfrage gar als neuen Machtfaktor in der EU. Um dies zu belegen, wird die „neoliberale“ „Presse“ zitiert: Dass Österreich unter der Führung Kurz eine „neue kleine Supermacht“ sei nämlich. Zu viel der Ehre, das Zitat stammt von Alexander Van der Bellen anlässlich des Besuchs bei der UNO-Generalversammlung. Gemeint war es von Van der Bellen – erraten – ironisch. Aber soll sein. Dass die Faszination des charmant Bösen – Achtung: „Austria rising“ – übrigens so manchen heimischen Kurz-Feind verärgert hat, ist typisch: Viel zu viel Aufmerksamkeit und Beschreibung seines Erfolgs. Zudem junge Menschen, die erklären, warum sie Kurz wählen? Gibt es nicht. Das waren doch nur alte Nazis. In der Betrachtung des kleinen, aber europäisch tatsächlich nicht ganz unwichtigen Österreich und seines neuen Kanzlers fehlt schon seit Monaten jedes Augenmaß, jede Vernunft und jede differenzierte nüchterne Distanz, die wir in Europa und nicht nur dort so nötig hätten.

Skandalposse. Ähnliches lässt sich auch über innenpolitische Episoden der vergangenen Tage sagen. Da plant der Landeshauptmann von Kärnten ernsthaft, seinen Sohn auf die EU-SPÖ-Liste zu setzen. Doch weil dieser sich vor ein paar Monaten auf Twitter so benommen hat wie viele dort täglich, also stilistisch schlicht, selbstüberschätzend und inhaltlich daneben („Nazion“ Österreich), darf er das laut der neuen SPÖ-Führung nicht. Argumentiert wurde dies natürlich anders, nämlich mit dem Mann-Frau-Reißverschluss und anderen SPÖ-Ritualen. Nun droht Kaiser mit innerer Partei-Emigration, will aber vorher noch mit der designierten SPÖ-Spitze über diese missglückte Familienaufstellung reden. Der Boulevard freut sich und holt schon Popcorn für seine Leser. Liebe Rest-Rote und letzte Kaiser: Weiter so, und es warten bayrische SPD-Werte.

Nicht zu vergessen der BVT-Skandal, der mehr zur Posse wird. Dank der bisherigen Erkenntnisse des Untersuchungsausschusses lautet der Zwischenwissensstand: Das einst respektierte Bundesamt für Verfassungsschutz war offenbar weder Amt noch Geheimdienst, sondern eine unprofessionelle Chaostruppe, in der manche auch das Gesetz für eigene oder politische Zwecke bogen – wie etwa die private Lagerung von als geheim klassifizierten Akten (für potenzielle Alt-ÖVP-Kampagnen?). Dass mit Werner Amon ein ÖVP-U-Ausschuss-Mandatar in den ausschussrelevanten Unterlagen als BVT-Informant vorkommt, ist übrigens auch sehr österreichisch.

Dass die Staatsanwaltschaft mit dem neuen übermotivierten Innenminister im Genick überzogen reagiert hat, ist auch evident. Herbert Kickl hätte einfach still und heimlich ein paar Dutzend Beamte im BVT austauschen sollen. (Wir Medien hätten dann „Umfärbung“ geschrieben.) Der U-Ausschuss wäre ausgeblieben. Aber der politischen Dauerhysterie im Land wäre das natürlich abträglich gewesen.

rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2018)