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„Die Menschen wollen wieder Lebenszeit“

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Ali Mahlodji, whatchado-Gründer und Trendforscher, sieht das Ende der alten Arbeitswelt. Die Zukunft bringt selbstbestimmte Mitarbeiter, Führung auf Augenhöhe und Innovation als Sinneshaltung.

Ali, als Trendforscher hast du heuer für das Zukunftsinstitut den „Work Report 2019“ geschrieben, wo du dich mit der Zukunft der Arbeitswelt auseinandersetzt. Was sind deine Erkenntnisse, wie wird sich die Arbeitswelt entwickeln?

Ali Mahlodji: Eines ist klar, das Zeitalter der alten Mechanismen ist vorbei. Täglich von neun bis fünf im Büro sitzen, auf den Urlaub warten, ein Leben lang in derselben Firma arbeiten und als Lebensziel die Pension mit 65 - das ist passé. Die Arbeitswelt ist flexibler geworden, es ist heute normal, alle fünf Jahre den Job zu wechseln. Aber die Arbeit ist auch weniger vorhersehbar. Eine Studie des World Economic Forums zeigt, dass 65 Prozent der Jobs, die wir in zehn Jahren machen werden, heute noch gar nicht existieren. Es stellt demnach eine große Herausforderung  dar, Mitarbeiter auf eine ungewisse Zukunft vorzubereiten, sie zu Selbstverantwortung und selbst definierter Schöpfungskraft zu befähigen.

Womit wir beim Thema Innovation sind. Man hat das Gefühl, alle verordnen sich Innovation, aber den wenigsten gelingt die Umsetzung. Was sind die Voraussetzungen, damit Innovation entstehen kann? 

Der größte Fehler besteht darin, Innovation in eine Abteilung auszulagern. Innovation ist vielmehr eine Sinneshaltung. Ein Unternehmen hat sich die Frage zu stellen, was morgen auf dem Markt passieren muss, um es ersetzbar zu machen. Am wichtigsten ist es zu begreifen, wie viel Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter steckt. Sie sind bei den Kunden, sie hören, was besser sein könnte, und denken auch selbst darüber nach. Das heißt, man muss den Mitarbeitern eine Stimme geben, Spielräume für sie schaffen, sie in Entwicklungsprozesse einbinden. Am Ende des Tages geht es darum, das Mindset zu entwickeln und sich zu fragen, ob man etwas besser machen kann, obwohl es (noch) kein Problem gibt.

Das klingt nach keinem einfachen Unterfangen.

Die Schwierigkeit liegt darin, dass wir den Menschen das selbstständige Denken und die Eigenständigkeit ausgetrieben haben. Vor der Industrialisierung waren 70 Prozent der Österreicher und Deutschen selbstständig, also vor allem Bauern, Handwerker, etc. 

Dann kamen die Fabriken und die Leute wurden eingeteilt: das ist deine Job Description, das ist dein Fließband oder dein Büro. Stell dich hin und mach das einmal; denken musst du nicht. Und jetzt sollen sie sich plötzlich sofort verändern und kreativ sein.

Manager sagen, die Verteidigung der bestehenden Strukturen durch die Mitarbeiter stellt das größte Hindernis bei der Transformation dar. So eine Veränderung ist eben ein jahrelanger Prozess.

Wie muss eine Führungskraft in Zukunft agieren?

Die Hierarchien von oben herab werden nicht mehr funktionieren. Eine Führungskraft muss wie ein Coach agieren – so wie im Fußball. Die Aufgabe des Trainers ist es, die Spieler zu kennen und zu wissen, wer auf welcher Position am besten geeignet ist. Und er muss die Mannschaft auf das Match einschwören, ihnen alle Informationen geben, beispielsweise, welche Stärken und Schwächen das gegnerische Team hat. Beim Match selbst sind die Spieler aber komplett eigenverantwortlich und haben das Ziel, möglichst viele Tore zu schießen. In der Pause kann der Coach eingreifen und Spieler austauschen, die Meisterschaft muss aber die Mannschaft gewinnen. Das alles hat viel mit Vertrauen, Zutrauen und Augenhöhe zu tun.

Wenn wir in die Zukunft blicken, welche Trends und Entwicklungen siehst du speziell bei jungen Leuten in der Arbeitswelt?

Was in Zukunft greifen wird, ist jetzt schon spürbar. Ein ganz großer Trend ist beispielsweise, dass junge Menschen auf die klassische Vollzeitbeschäftigung und das übliche Statusdenken keine Lust mehr haben. Die tollen Benefitpakete und Firmenautos ziehen bei vielen Bewerbern nicht mehr. Viel mehr zählt, Teilzeit arbeiten zu können und drei Tage am Stück frei zu haben. Die Menschen wollen wieder Lebenszeit. Vor zehn Jahren galt es als Statussymbol, um 22 Uhr noch E-Mails zu verschicken. Dann warst du der Macher. Tust du das heute, lachen dich schon einige aus. Und in der nahen Zukunft werden sie dir sagen, du bekommst dein Leben nicht auf die Reihe. Weil es zunehmend um Lebensqualität und immer mehr um das Menschliche geht.

Ist das ein Gegentrend zur technischen, digitalen Welt?

Das schließt sich nicht aus. Wir lernen die Technologien besser einzuschätzen. Nehmen wir beispielsweise die automatisierten Kassen im Supermarkt. Walmart war hier sehr weit voran und hat die Kassen auf Selbstbedienung umgestellt. Dadurch sind viele Jobs weggefallen. Was ist passiert? Durch Kundenfeedback haben das Unternehmen erfahren, dass viele nicht zufrieden sind. Die Kunden wollen einen Menschen, der sie betreut. Also hat Walmart die freien Mitarbeiter zu Community Managern umgeschult. Diese beobachten Kunden, fragen, ob sie helfen können, führen zu den richtigen Artikeln oder nehmen den Leuten die Taschen ab. Die Maschinen übernehmen dafür die ultra-stupide Arbeit an der Kasse.

Heute denkt die Arbeitswelt noch stark nach dem Prinzip „Maschine oder Mensch“. Dieses Entweder-oder ist ein Schwachsinn, es geht um das Sowohl-als-auch.

Ja, der Mensch automatisiert alles, was er automatisieren kann. Ziel von Unternehmen ist es, hoch profitabel zu arbeiten, und das Meiste kann man beim Personal einsparen. Gleichzeitig stellen wir immer mehr fest, dass sich komplexes Denken sowie die Fähigkeit, tiefe Beziehungen einzugehen, Situationen einzuschätzen und langfristige Bindungen aufzubauen, nicht einfach wegautomatisieren lässt. Wenn immer es um Kunden geht, braucht es zwingend den Faktor Mensch.

Wie sieht es mit älteren Mitarbeitern aus? Die werden gerne aussortiert, weil sie nicht  als digital affin und damit zukunftsfähig gelten. Gleichzeitig wächst aber die Zahl der Älteren. Wie ist es nun um deren Zukunft bestellt?

Hier findet ein Umdenken statt. Es gibt immer mehr Internetplattformen, die ältere Mitarbeiter vermitteln. Bosch und Siemens haben begonnen, pensionierte Mitarbeiter wieder ins Unternehmen zurückzubringen. Dabei geht es natürlich um Erfahrung und um das Wissen, das den Jungen fehlt. Denen mangelt es oftmals auch an Tiefe, Beziehungsfähigkeit und Geduld. Die Jungen wollen sofort Karriere machen, weil sie in der heutigen vom Internet geprägten Welt alles sofort haben können. In der Kombination Alt und Jung kann man Dynamik mit Wissen verbinden. Bosch nennt das sein Ageless-Konzept. Das bewährt sich.

Du thematisierst gerne immer wieder die Haltung der Achtsamkeit. Ist das nur ein Hype?

Das Thema Achtsamkeit ist sicher kein Hype. Unternehmen wie SAP haben es vorgelebt. Leute sind nur noch gestresst. Wenn man auf allen Kanälen ständig bespielt wird, ist das limbische System im Daueralarmzustand. Achtsamkeit bringt uns wieder ins Gleichgewicht, wodurch wir lernen, nicht sofort auf alles zu reagieren, sondern erst zu schauen, ob es wirklich sofort sein muss. Du triffst bessere Entscheidungen, bist belastbarer.  Es geht bei Achtsamkeit darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem es Zeit zum Durchatmen gibt - und zwar nach menschlichem Maß.

Ali Mahlodji ist Co-Founder von whatchado, Europäischer Jugendbotschafter, Berater, Speaker, Trend- und Zukunftsforscher sowie Autor. Als Zweijähriger floh er mit seinen Eltern von Teheran nach Wien, wuchs in Österreich auf und schmiss ein halbes Jahr vor der Matura die Schule hin. Insgesamt übte er an die 40 verschiedene Jobs aus, holte die Matura nach, lernte das Programmieren, arbeitete in einer Werbeagentur und schloss das Studium ab.

2011 kaufte er sich eine Videokamera und legte mit vier Freunden los. Aus der ursprünglichen Buchidee wurde eine Video-Internet-Idee: „whatchado“.

Dort erzählen Menschen in kurzen Videos ihren beruflichen Werdegang. Damit hilft er anderen dabei, ihre Berufsziele zu finden. „whatchado“ wächst, gewinnt unter anderem den UN World Summit Award, 2013 den TRIGOS Nachhaltigkeitspreis, den österreichischen Staatspreis für Bildung und Wissen, den Deutschen Preis für Onlinekommunikation sowie den MINGO Award als wachstumsstärktes Unternehmen.

Heute versucht er vor allem Menschen zu inspirieren, damit sie motiviert durchs Leben gehen und etwas aus ihrem Dasein machen.