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Das größte Muskelspiel seit dem Kalten Krieg

(c) APA/AFP/ANP/REMKO DE WAAL

Die Nato führt in Norwegen ein Manöver mit 50.000 Soldaten aus 31 Staaten durch. Das Szenario ist „fiktiv“. Offiziell. Aber natürlich denken sie im Bündnis an Russland. Aus dem hohen Norden senden sie ein Signal der Abschreckung.

Wien/Oslo. Im Königreich wimmelt es vor Militärs. Seit Wochen laufen Kriegsschiffe in die norwegischen Häfen ein. Sie bringen Material, Panzer, Soldaten. 4,6 Millionen Flaschen Wasser stehen bereit. Für 50.000 Soldaten aus 31 Staaten. Würde man nur die Militärfahrzeuge aneinanderreihen, man käme auf eine Länge von 92 Kilometern. Die 180 Flugzeuge und 65 Schiffe sind da nicht eingerechnet.

Diese Zahlen deuten das Ausmaß des Kriegs an, den die Nato ab Donnerstag im hohen Norden simuliert. „Trident Juncture“ nennt sich das lang geplante Manöver. Es ist das größte seit Ende des Kalten Kriegs. Und es beginnt inmitten eines drohenden atomaren Rüstungswettlaufs zwischen Russland und den USA.

Die Nato verteidigt sich im hohen Norden auf nasskaltem Terrain gegen einen fiktiven Gegner. Das ist das Szenario. Also offiziell. Es ist jedoch ein offenes Geheimnis, dass das Bündnis an Russland denkt. So wie der Kreml die Nato bei seinen Übungen immer im Kopf hat. Knapp 300.000 Soldaten schickte Russland heuer nach eigenen Angaben in das Manöver Wostok im fernen Sibirien. Es war die größte Übung seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Da wie dort lässt man die Muskeln spielen.

 

„Das macht Russland nie“

Anders als Moskau lege die Nato jedoch Wert auf „Transparenz“, wie eine Nato-Sprecherin zur „Presse“ sagt. Denn Russland ist als Beobachter zu „Trident Juncture“ eingeladen. „Das machen sie bei ihren Übungen nie“, klagt die Sprecherin in Richtung Moskau. Immer wieder würde Russland unangekündigte Manöver durchführen, „was das Risiko von Fehlkalkulationen, Zwischenfällen und Überraschungen erhöht“.

Es gab Zeiten, da schien sich die Nato überlebt zu haben. Sie kämpfte noch in Afghanistan und gegen Piraten am Horn von Afrika. Aber zu Hause wähnte man das Ende der Geschichte gekommen. Die Verteidigungsetats schrumpften. Dann kam die Ukraine-Krise. Seither ist wieder von Abschreckung die Rede, von kollektiver Verteidigung, vom berühmten Artikel 5, dem Bündnisfall, der nun in Norwegen geprobt werden soll.

Schauplatz des Manövers ist neben Nordatlantik, Ostsee und Norwegen auch der Himmel über Schweden und Finnland, den einzigen Nicht-Nato-Teilnehmern. Die bündnisfreien Staaten grenzen an Russland. Und sie sind nervös. Seit der Ukraine-Krise rücken sie – anders als Österreich – näher an die Nato heran.

 

Wettlauf um die Arktis

Auch im hohen Norden gibt es Spannungen. Der Wettlauf um die Arktis hat begonnen. Der Klimawandel gibt rohstoffreichen Boden frei. Niemals werde Russland die Dominanz der Nato in dieser Region zulassen, zürnte ein russischer Politiker im Vorfeld des Manövers. In der Nato klingt das ganz anders: Dort ist es Russland, das in der Arktis an einer Vormachtstellung zimmert und sogenannte Anti-Access/Area-Denial-Systeme aufbaut, die eine Blockade von Nato-Schiffen und -Kampfjets ermöglichen.

Ähnliches geschehe in Kaliningrad. In der Nato heißt es, die russische Exklave sei die „am stärksten militarisierte Zone der Welt“. Und sie grenzt an Litauen. Dort, im Baltikum, aber auch in Polen, geht die größte Angst vor Russland um.

Die Übung im Norden gilt deshalb auch dem Schutz der Ostflanke. Sie wird der Lackmustest für die Nato-Speerspitze (VJTF), die als Antwort auf die Ukraine-Krise geschaffen wurde und den Nato-Osten beruhigen soll. Binnen 72 Stunden kann die neue, aus 5000 Soldaten bestehende Gruppe überall im Nato-Gebiet einsatzbereit sein. In der Theorie.

Ab 2019 führt die deutsche Bundeswehr diese Speerspitze an. Auch deshalb entsendet Berlin 10.000 Soldaten zur Übung nach Norwegen. Es ist das zweitgrößte Kontingent nach jenem der USA – und es ist ein teures Unterfangen. Allein Deutschland kostet das Manöver 90 Millionen Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2018)