Wie man die Abholzung verhindert

ben seiner Forschung setzte sich Michael Klingler auch künstlerisch – als Hobbyfotograf – mit dem Schutz von Amazonien auseinander.
ben seiner Forschung setzte sich Michael Klingler auch künstlerisch – als Hobbyfotograf – mit dem Schutz von Amazonien auseinander.(c) Thomas Steinlechner

Der Tiroler Geograf Michael Klingler erforschte die Wirksamkeit von verschiedenen Waldschutzprogrammen in Amazonien. Er kommt zu sehr gemischten Ergebnissen.

Der Zug nach Südamerika wurde Michael Klingler zwar nicht unmittelbar in die Wiege gelegt. Allerdings wuchs er in der Wildschönau in Tirol auf, aus der zahlreiche Tiroler und Tirolerinnen unter Führung des ehemaligen Agrarministers Andreas Thaler 1933 nach Brasilien ausgewandert waren, die dort die Kolonie Dreizehnlinden gründeten. Die Erzählungen zum fernen Brasilien hinterließen einen nachhaltigen Eindruck.

Jahrzehnte später sollte es der Geograf der Uni Innsbruck seinen Landsleuten gleichtun und zu Forschungszwecken viele Jahre in Mittel- und Südamerika verbringen. Bei einem ersten längeren Studienaufenthalt 2005/06 an der Universität von Costa Rica kam Klingler mit dem Forschungsfeld in Verbindung, dem er nun seit mehr als zehn Jahren treu geblieben ist: der Wechselbeziehung von Mensch und Umwelt, politischer Ökologie, gesellschaftlichen Naturverhältnissen sowie Konflikten um Zugang, Kontrolle und Nutzung von Land. Nach seiner Diplomarbeit verlagerte er für seine Doktorarbeit seinen geografischen Forschungsschwerpunkt nach Brasilien.

 

„Man muss länger vor Ort sein“

Schon bei seiner Arbeit in Costa Rica hatte Klingler erkannt, wie ungeheuer komplex die geografische Entwicklungsforschung ist. „Meine Erfahrung aus Costa Rica war, dass man länger vor Ort sein muss, um die komplexen Zusammenhänge auch nur annähernd zu verstehen.“ Und damit sind nicht ein paar Wochen oder Monate gemeint. Doch wie sollte er sich diesen Aufenthalt finanzieren? Zu Hilfe kamen ihm mehrere Forschungsstipendien sowie eine Anstellung an der Uni Göttingen. Dort war er fünf Jahre für die Koordination des bilateralen Forschungsprojekts Carbiocial angestellt, von denen er vier in der Region Novo Progresso und Belém im brasilianischen Amazonien verbrachte. Neben der Koordinationsarbeit für die Uni blieb ihm ausreichend Zeit, vor Ort in eigener Sache zu forschen (und sein Hobby, die Fotografie, zu betreiben). In seiner eigenen Dissertation beschäftigte er sich mit der sozialökologischen Transformation der „Frontier“ Amazonien und vor allem mit der Wirksamkeit von sogenannten Nullentwaldungsabkommen. Klingler: „Der Begriff Frontier verweist ursprünglich auf die geostrategische Integration und sozioökonomische Erschließung der vom Zentrum isolierten Peripherie der USA von Ost nach West.“ Auch in Amazonien lassen sich seit den 1970er-Jahren Einflüsse von Fernstraßen als infrastrukturelle Entwicklungsachsen feststellen.

Um die sozialen und ökologischen Auswirkungen dieser großflächigen Okkupation zur Ressourcenextraktion und Agrarkolonisation in Grenzen zu halten, wurden zahlreiche Schutzabkommen geschlossen. Ihre Wirksamkeit untersuchte Klingler. Eine wichtige Grundlage waren die seit 1988 zur Verfügung stehenden Monitoringdaten zur Entwaldung. Dabei zeigte sich: „Was die Entwaldungsentwicklung der letzten 15 Jahre maßgeblich beeinflusste, aber nicht stoppte, waren Marktpreisschwankungen und Wirtschaftskrisen sowie Umweltpolitiken zur Kontrolle und Bekämpfung illegaler Abholzung.“ Effektiv ist ebenso das Soja-Moratorium aus dem Jahr 2009.

Weniger erforscht sind hingegen Abkommen, die die illegale Entwaldung zur Rinderhaltung stoppen sollen. Klingler: „Dem hatte man eine große Wirkung zugesprochen. Ich habe allerdings verschiedene Datensätze miteinander verwoben und herausgefunden, dass es in der Untersuchungsregion eine starke Zunahme an Rindern um 500 Prozent in den letzten 15 Jahren gegeben hat und dass mehr als drei Viertel der akkumulierten Abholzungsfläche als Weideland genutzt werden. Da entstehen natürlich große Konfliktfelder, was Schutz und Nutzung von Regenwäldern angeht.“

Einen Grund für die mäßige Wirksamkeit sieht Klingler in den vielen Lücken im Regelwerk. So gebe es mehr als eine Million Rinder in Südwest-Pará, von denen laut den Kriterien der Rinderabkommen mindestens die Hälfte illegal gehalten werde. Es bestehe – ähnlich wie bei Schwarzgeld – eine regelrechte „Rinder-Wäsche“, bis die Tiere als „legal“ in die Wertschöpfungsketten eingeschleust werden.

ZUR PERSON

Michael Klingler wurde 1980 in Lienz/Osttirol geboren, wuchs aber in der Wildschönau in Nordtirol auf. Nach der Matura begann er ein Studium in Geografie und Spanisch, das er 2008 abschloss. Nach langjährigen Aufenthalten in Südamerika promovierte er 2017 in Geografie. Derzeit ist er unter anderem Researcher im Interreg-Programm AlpFoodway, dessen Ziel es ist, alpine Esskultur zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe zu machen.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2018)