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Zeit für Eierlikör

Eier sind für einen guten Likör unerlässlich.
Eier sind für einen guten Likör unerlässlich.(c) Ute Woltron
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Der Garten liefert nicht nur Früchte und Gemüse, sondern auch eine der wichtigsten Zutaten für den süßen Seelentröster des Winters, die Eier zum Likörmachen.

In einem Leben voll von Höhen und Tiefen, Erfolgen und Niederlagen und anderen Wirrnissen gibt es zum Glück ein paar Dinge, auf die unbedingt Verlass ist. Da wäre zum Beispiel der fast hundert Jahre alte Kachelofen, dieser Wärmespender in allen Lebenslagen. In Kombination mit der ebenfalls angejahrten Blümchenporzellankanne vom Flohmarkt, gefüllt mit duftigem Hätscherltee, veredelt mit etwas Mandarinensaft, und ganz zart mit einem Schuss eingekochten Weichselsafts gesüßt, ergibt sich ein trostspendendes Szenario ersten Ranges.

Idealerweise ist es in solchen Momenten knisternden Feuers draußen regnerisch. Man hält ein gutes Buch in Händen, legt Rachmaninovs zweites Klavierkonzert auf, oder das erste, und hat nach einer hektischen Arbeitswoche das Wochenende erreicht wie eine rettende Insel des Stillstands. Unbedingt verlässlich sind in solchen Momenten auch möglichst dicke Wollsocken, der Anblick der letzten selbst gepflückten Herbstblumensträuße in schönen Vasen und derlei Petitessen mehr – sowie Freunde wie Susi T.

Leute wie sie beherrschen nicht nur die Kunst unbedingter Empathie, was für sich allein eigentlich schon ausreichend wäre, doch Susi T. ist darüber hinaus auch eine begnadete Kuchenbäckerin. Eine ihrer vielgerühmten Kreationen ist ein besonderer Gugelhupf, den sie wie Rotkäppchen im Korb zu transportieren pflegt. Meistens begleitet von einer Flasche geistvollen Inhalts, wie es sich für Märchenfiguren gehört.


Sonderbares Urteil.
Die wichtigste Zutat dieses königlich saftigen Kuchens ist Eierlikör. Nun hat jedoch der Europäische Gerichtshof eben ein sonderbares Urteil erlassen, demzufolge diese Spirituose lediglich Eigelb, Eiweiß, Zucker oder Honig, Alkohol und Aromastoffe, jedoch keine Milch enthalten darf. Meinen die das ernst? Was, wenn nicht Obers, also gewissermaßen Milch zum Quadrat, soll dem Eierlikör künftig zu seiner Sämigkeit verhelfen?

Wir werden sehen, doch unsere Strategie zum Schutz des Eierlikörgugelhupfs steht ohnehin bereits fest. Niemals werden wir uns diesen Genuss von Höchstrichtern oder sonst jemandem verbieten lassen. Die Rettung gackert bereits, so wie jeden Herbst, über das gesamte Grundstück. Die Hühner sind freigelassen und haben den Garten übernommen. Sie dürfen bis zum Spätwinter als Flurpfleger Schneckeneier hervorscharren, den Komposthaufen durchwühlen und unter den Obstbäumen die Puppen der Kirsch- und Walnussfruchtfliegen vertilgen, was sie mit Begeisterung den lieben langen Tag tun. Das hat nicht nur den Vorteil, dass daraus exquisite Bio-Eier entstehen, mit Dottern so gelb wie Sonnenblumen. Auch die Obsternte des kommenden Jahres wird weitgehend ohne Maden eingefahren werden können. Bis es so weit ist, werden jedoch noch viele kalte Wochen vergehen, in denen wir unseren Eierlikör selbst herzustellen gedenken. Im Garten wird nicht viel zu tun sein, sobald die letzten Umpflanzungen und Staudenteilungen erfolgt sind. Das Laub muss noch gerecht und kompostiert werden, außerdem dient es frostempfindlichen Pflanzen als Schutz, wenn sie mittels Hasendraht umwunden und mit trockenen Blättern aufgefüllt werden.

Dann wird die Zeit des Eierlikörs anbrechen und damit auch Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, fürderhin nicht auf diese in kleinen Dosen bekömmliche Delikatesse in der gewohnten Sämigkeit verzichten müssen, folgt hier ein oft erprobtes Rezept. Zuallererst benötigt der Eierlikörfabrikant für das Vorhaben die besten, frischesten Eier, die sich auftreiben lassen. Für einen Liter Eierlikör brauchen Sie neun Stück. Im Gegensatz zum Europäischen Gerichtshof, der das Eiklar als Zutat akzeptiert, tun wir dies sicher nicht. Nur die Dotter kommen zum Zug, und auch das erst, nachdem sie durch ein feines Sieb gestrichen wurden. Dafür kommt reichlich Schlagobers dazu, und zwar ein Viertelliter. Für die Süße sorgen 210 Gramm Staubzucker, für das feine Aroma das ausgekratzte Mark einer Vanilleschote. Nun erfolgt die Adelung der Angelegenheit mittels Rum.


Nicht vom Weg abkommen.
An dieser Wegkreuzung gehen viele in die Irre, wenn sie sich mit billigen, schlimmstenfalls inländischen Zuckerrohrdestillaten zufriedengeben. Wer hingegen nicht vom Weg abkommen und göttlichen Eierlikör haben will, gießt 300 Milliliter des besten verfügbaren Rums zu den anderen Zutaten. Nun werden alle Zutaten nur noch sorgfältig durchgemixt und in Flaschen gefüllt. Fertig. Die Aufbewahrung erfolgt im Kühlschrank. Wie lang er darin frisch hält, können wir nicht sagen. Er ist stets innerhalb einer Woche entweder ausgetrunken oder zum Gugelhupf geworden.

Lexikon

Eierlikörgugelhupf. Das Rezept dafür kann ich Ihnen leider nicht verraten, weil ich es selbst nicht habe. Probieren Sie jetzt einmal den Eierlikör, dann reden wir weiter.

Flurpflege. Nicht nur die Kirschfruchtfliege ist lästig, in den vergangenen Jahren haben sich die Walnussfruchtfliegen bedauerlicherweise ziemlich ausgebreitet. Hühner sind zwar Gartenzerstörer, aber unter Obstbäumen können sie gegen die Plagen präventive Wunder wirken.

Rum. In unseren Breiten ist der Rum eine grob unterschätzte Spirituose. Verwenden Sie keinen Verschnitt, sondern im Holzfass gereifte Qualitätsdestillate.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2018)