Sigrid Maurer: Ihr Sieg trotz Niederlage

Sigrid Maurer hat nicht mit dieser großen Resonanz auf ihren Fall und ihre Initiative gerechnet: „Das kam einfach im richtigen Moment.“
Sigrid Maurer hat nicht mit dieser großen Resonanz auf ihren Fall und ihre Initiative gerechnet: „Das kam einfach im richtigen Moment.“APA/GEORG HOCHMUTH

Die ehemalige Grünen-Politikerin Sigi Maurer macht mit ihrer erfolgreichen Spendenaktion auch international Schlagzeilen. Unter den Unterstützern sind aktuell mehr Männer.

Sie ist fast ein Jahr nicht mehr aktiv in der Politik tätig und bekommt doch gerade jetzt die größte Aufmerksamkeit in ihrer bisherigen Karriere. Zeitungen wie die deutsche „Welt am Sonntag“, die „Zeit“ und der „Spiegel“ oder der britische „Guardian“ schreiben große Porträts über Sigrid Maurer und lange Artikel über ihren couragierten Kampf gegen sexuelle Belästigung und die Verbreitung von Hass im Netz. Heute, Sonntag, wird sie im Ö3-Frühstück bei Claudia Stöckl zu Gast sein.

Wer Sigrid Maurer dieser Tage erreichen will, muss trotzdem nicht lange warten. Egal, ob auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, via E-Mail oder per SMS – sie reagiert auf jedem Kanal innerhalb weniger Minuten und behandelt Anfragen professionell und schnell. Die vergangenen Wochen waren eine emotionale Achterbahnfahrt für die 33-jährige ehemalige Grünen-Abgeordnete. Ein abgenutzter Begriff, aber einer, der in diesem Fall treffend ist. Vor zwei Wochen hat sie den Prozess gegen den Wiener Bierwirt Albert L. wegen Verleumdung verloren, das Gericht hat sie zu 7000 Euro Strafe verurteilt. Vom Facebook-Profil seines Lokals erhielt Maurer im Mai obszöne und untergriffige Nachrichten zugeschickt. Weil sie diese Nachrichten mit Angabe von Name und Adresse des Lokalbetreibers veröffentlicht hat, um sich dagegen zu wehren, hat sie der Mann verklagt. Der Ausgang des Prozesses war auch deswegen so ernüchternd, weil er klargemacht hat, dass es derzeit keine Möglichkeit gibt, sich gegen verbale Angriffe im Netz zu wehren.

Für einen Moment waren Wut und Resignation nach dem Urteilsspruch groß, doch dann entschied Maurer aktiv zu werden, um die aktuelle Rechtslage zu verbessern und anderen Betroffenen zu helfen. Mit Unterstützung des Vereins Zara startete sie innerhalb weniger Tage eine Crowdfunding-Initiative, die Menschen, denen Ähnliches widerfahren ist, die finanziellen Mittel geben soll, sich gegen Gewaltdrohungen und Beschimpfungen zu wehren.


Spenden immer noch möglich. Ihr Ziel war 100.000 Euro zu sammeln und dann passierte das Unerwartete: Die angestrebte Summe war innerhalb von 38 Stunden erreicht. „Der Erfolg war überwältigend. Ich habe schon gehofft, dass das Crowdfunding funktionieren wird, aber ich habe nicht damit gerechnet dass es so schnell gehen würde“, erzählt Sigrid Maurer. Das gesammelte Geld komme nun auf ein eigenes Konto und wird vom Verein Zara verwaltet. „Damit sollen Klagen von Betroffenen von Hass im Netz finanziert werden, und – falls notwendig – auch die Kosten, die in meinem Prozess entstehen.“ Denn mittlerweile hat sich Maurer entschieden, gegen das Urteil in ihrem Fall zu berufen. Auch weil ihr klar geworden ist, dass man etwas gegen die rechtlichen Lücken tun muss, und im Grunde auch, weil sie hofft, dass Fälle sexueller Belästigung weniger werden, wenn man sie thematisiert. Dem „Falter“ sagte sie: „Sexuelle Belästigung begleitet mich als Thema schon ein Leben lang. Ich will nicht mehr Erziehungsbeauftragte für Retromänner spielen. Es reicht einfach.“ Sollte sie gewinnen, wird sie auch das Geld aus dem Prozess für die Initiative spenden. Weil die Unterstützungsbereitschaft weiterhin so groß ist und ohnehin mehr Geld notwendig ist, haben Maurer und Zara bereits ein Folgeprojekt unter respekt.net gestartet, für das man nach wie vor spenden kann.

Außerdem haben sie die hunderten Zuschriften bestärkt, die sie nach dem Schuldspruch von wildfremden Menschen bekommen hat. „Ich habe mehr als 30 Stunden für die Beantwortung gebraucht“, erzählt sie. „Die allermeisten Nachrichten sind positiv – viele wollten ihre Empörung und ihre Solidarität ausdrücken, und sehr viele haben auch direkt nach einer Spendenmöglichkeit gefragt. Vergleichsweise wenige Nachrichten sind die üblichen Beschimpfungen und Drohungen.“

Interessant und erfreulich ist, dass einerseits deutlich mehr als die Hälfte der Nachrichten an Maurer von Männern waren, „die geschrieben haben, dass sie sich für ihre Geschlechtsgenossen schämen“. Zudem sind fast zwei Drittel der Menschen, die für ihre Kampagne gespendet haben, Männer. „Das freut mich – es zeigt dass viele bereit sind, sich am Kampf gegen sexualisierte Gewalt zu beteiligen.“

Maurer war schon überrascht über die große Aufmerksamkeit, die ihr im Mai, nachdem sie das Posting veröffentlicht hatte, zuteil wurde. „Ich dachte, das wird halt in meiner feministischen Bubble diskutiert werden.“ Mittlerweile denkt sie, sie werde auch deswegen so unterstützt, weil das Thema im richtigen Moment aufgetaucht ist. Einerseits diskutiert die Welt dank #MeToo seit einem Jahr Fälle von struktureller sexueller Gewalt, andererseits nimmt die Aggression und Verachtung im Internet und dort vor allem in sozialen Netzwerken seit Jahren zu. „Viele Menschen sehen, dass Hass im Netz ein sehr ernstes Problem ist, nicht nur in Österreich.“ Auch deswegen würden ausländische Medien berichten und Maurer schon jetzt als Siegerin darstellen. So sieht sie sogar Bierwirt Alfred L. Die „Welt am Sonntag“ zitiert ihn so: „Für alle Welt ist sie die Heldin, und ich bin der Depp.“

Die Bundesregierung hat übrigens angekündigt, dass es bis Mitte 2019 eine Gesetzesänderung für Hasspostings und Gewaltdrohungen per Direktnachricht geben soll, die es Betroffenen ermöglicht, sich gegen den Hass zu wehren. „Ich nehme sie da beim Wort“, sagt Sigrid Maurer.

Zu Person und Causa

Sigrid Maurer, geboren März 1985 in Tirol, begann sich während des Studiums der Politik- und Musikwissenschaft an der Uni Innsbruck politisch zu engagieren, war ÖH-Vorsitzende und von 2013 bis 2017 Nationalratsabgeordnete der Grünen. Derzeit macht sie den Masterabschluss in Soziologie an der Universität Wien und arbeitet in einer Forschungsstelle.

Juristischer Fall. Im Mai 2018 bekam Maurer via Facebookmessenger derbe sexistische Nachrichten vom Account eines Bierlokals zugestellt. Sie veröffentlichte die Nachrichten samt Name und Adresse des Bierlokalbetreibers. Dieser verklagte Maurer wegen übler Nachrede, nach zwei Verhandlungstagen wurde Maurer Anfang Oktober schuldig gesprochen. Sie geht nun in Berufung und rief im Internet zum Spendenaufruf für eine Initiative gegen Hass im Netz gemeinsam mit dem Verein Zara auf: innerhalb von 38 Stunden war das Ziel von 100.000 Euro erreicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2018)