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„Ex Libris“: Vom Leben in New Yorks größter Bibliothek

(c) Filmladen
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Kritik„Ex Libris“, das jüngste Institutionsporträt des Dokumentarveteranen Frederick Wiseman, widmet sich der New York Public Library. Sie erscheint darin als utopisches Modell sozialer Integration und gelebter Demokratie.

„Ignoranz ist kein Verbrechen.“ Richard Dawkins zeigt sich beim Publikumsgespräch nachsichtig mit Unwissenden. Doch ebenso wie Kant ist er überzeugt, dass Aufklärung der einzige Weg aus der Unmündigkeit ist – ganz gleich, ob selbst verschuldet oder nicht. Passenderweise bringt er diese Auffassung in einem Wahrzeichen öffentlicher Wissensvermittlung zur Sprache: der New York Public Library, einer der größten Büchereien der Welt.

Gut möglich, dass der Direct-Cinema-Veteran Frederick Wiseman sich diesem Diktum Dawkins' anschließen würde. In seiner großartigen Dokumentation „Ex Libris“ setzt er der Hauptbibliothek des Big Apple ein Denkmal: Die Volksbildungseinrichtung erscheint darin als Vorzeigemodell sozialer Integration und gelebter Demokratie. Selten wirkte ein Institutionsporträt dieses Regisseurs so affirmativ, so voller Hoffnung auf eine bessere Welt.

 

Die ganze Stadt ist hier einbezogen

„In einer Bücherei geht es nicht um Bücher“, heißt es an einer Stelle des Films. „Es geht um Menschen.“ Auch Wiseman hat keine Lust, den Staub auf Beständen zu filmen. Er interessiert sich für das, was den altgedienten Marmorhallen Leben einhaucht, entfaltet Szene für Szene einen pulsierenden Mikrokosmos, der sich keinesfalls auf das im mittleren Manhattan gelegene Zentralgebäude beschränkt, sondern dank zahlreicher Zweigstellen und Kooperationen die ganze Stadt einbezieht.

Schnell wird klar, dass die Funktionen der Bibliothek sich nicht im Verleih und der Verwaltung verstaubter Folianten erschöpft haben – auch wenn ein Band der Gutenberg-Bibel zu ihren prominentesten Schaustücken zählt. Viel wichtiger scheint die kommunikative Arbeit am Gemeinschaftskörper: Vorträge, Diskussionen, Lesezirkel, Ausstellungen und Konzerte, Auskunftsdienste und Informationsabende, Kinderbetreuung und Nachhilfeunterricht. „Ex Libris“ fasziniert nicht zuletzt als Kulturrevue.

Freilich setzt der Film auch Recherche und vertiefende Lektüre, Köpfe zwischen Blättern und Nasen vor Bildschirmen ins Bild. Doch all das wirkt wie ein bloßer Nebeneffekt des aktiven Wissensaustauschs, den die Bücherei als moderne Agora befördert. Mit geübtem Auge überlässt Wiseman die Leinwand prägnanten Dozenten, deren Enthusiasmus ansteckt – auch wenn sie manchmal etwas schrullig wirken, wie der überschwänglich gestikulierende Experte für jüdische Lebenswelten oder der extrovertierte Berufsmessenbewerbungshelfer.

Einige dieser Mitarbeiter leisten unabdingbare Sozialarbeit. Die Bücherei und ihre Satelliten fungieren als Hort für Marginalisierte, als barrierefreie Zone in jeder Hinsicht. Gehörlose und Blinde, Kinder und Alte, Emigranten ohne Englischkenntnisse oder Internetzugang: Allen begegnet man hier auf Augenhöhe, bietet ihnen Hilfe und Förderung an. Hinter den Kulissen diskutiert die Leitung mit erstaunlicher Umsicht den Umgang mit Obdachlosen: Man könne nicht alles tolerieren, dürfe Schutzsuchende aber nicht ausgrenzen. Dass der reibungslose Betrieb der Institution von öffentlichen Geldern ebenso abhängt wie von privaten Spenden, wird nicht unterschlagen.

Als ein Bibliotheksmitarbeiter das Kategoriensystem seines Bildarchivs erklärt, beschleicht einen noch das Gefühl, sein Job sei in Web-2.0-Zeiten obsolet. Doch im Lauf der über dreistündigen, nie langweiligen Doku-Tour verfliegen derartige Zweifel.

Das ist eine Folge der subtilen Argumentation Frederick Wisemans, die Andeutungen expliziten Kommentaren vorzieht. Periodisch nutzt der Regisseur ausgewählte Redner als Sprachrohr, setzt seine Schnitte wie ein guter Rhetoriker an entscheidenden Stellen, um ihre übertragene Bedeutung hervorzuheben. So spricht ein Dichter beim Publikumsgespräch von Poesie als „Schlichtheit, die unmerklich emotionale Komplexität hervorbringt“. Meint er vielleicht „Ex Libris“ selbst?

 

Ein Science-Fiction-Film

Im Grunde handelt es sich dabei um Wisemans ersten Science-Fiction-Film: um die Utopie einer Gesellschaft, die mit vereinten Kräften am Abbau von Ängsten und Hemmschwellen werkelt, um die Fähigkeit zum eigenmächtigen Handeln ihrer Mitglieder zu gewährleisten. Premiere feierte sie 2017, ein Jahr nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten – und wurde als bewusster Gegenentwurf zu dessen Weltbild wahrgenommen. Doch Wiseman bleibt Dialektiker: Sein jüngstes Werk, „Monrovia, Indiana“, derzeit bei der Viennale zu sehen, porträtiert eine Midwest-Kleinstadt abseits urbaner Schmelztiegel: Gelegenheit für ein erhellendes Double Feature zum amerikanischen Status quo.

Die NYPL in Filmen

Mit über 51 Millionen Medien ist die New York Public Library eine der größten Bibliotheken der Welt. Ihr Hauptgebäude befindet sich in der Fifth Avenue. Immer wieder diente sie in Filmszenen als Kulisse, u. a. in „Frühstück bei Tiffany“ (1961), „Ghostbusters“ (1984), „Spider-Man“ (2002) oder „The Day after Tomorrow“ (2004).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2018)