Die Journalisten Gerhard Jelinek und Birgit Mosser haben die Geschichte hinter dem Welterfolg recherchiert. Und einiges an „Gschichteln“ entdeckt.
Vielleicht sei die Wirklichkeit weniger glamourös – aber sicher sei sie viel interessanter als der Mythos: So zitieren die ORF-Journalisten Gerhard Jelinek und Birgit Mosser-Schuöcker gleich zu Beginn ihres Buches Johannes von Trapp, das zehnte und jüngste Kind der Familie, die (nicht nur) in den USA als Familienchor in Tracht Erfolge feierte, sondern auch durch den Film „The Sound of Music“ weltbekannt wurde.
Eine Julie Andrews, die als Maria von Trapp auf den grünen Wiesen herumwirbelt, die Trapp-Kinder, die wie die Orgelpfeifen über die Berge spazieren, der Chor, der „Edelweiß“ trällert: Jelinek und Mosser-Schuöcker werfen für ihr Buch einen detaillierten Blick hinter das „kitschige Märchen“ und erzählen es neu – auch als Spiegel einiger Jahrzehnte österreichischer Geschichte: das Leben einer aristokratischen Familie aus der Militärelite, von der Monarchie bis zur NS-Zeit.
Auf Basis ihrer ORF-Dokumentation aus dem Vorjahr haben die Journalisten weiter recherchiert – von Archiven und Taufregistern bis hin zum Terminkalender von Adolf Hitler, den Maria von Trapp, die anfängliche Hauslehrerin der zunächst sieben Kinder und spätere Frau des verwitweten Marineoffiziers Georg von Trapp, einst in München getroffen haben will. „Es ist dann beim Recherchieren immer interessanter geworden“, sagt Jelinek.
Es geht denn darum, wie Trapp, der im Ersten Weltkrieg einen französischen Panzerkreuzer versenkt hat, nach dem Ende der Monarchie wirtschaftlich Fuß zu fassen versucht. Wie er seine Frau Agathe verliert, eine britische Industriellentochter. Oder wie perfekt die Familie in den Ständestaat passt: konservativ, monarchistisch – und auch aus religiösen Gründen gegen Hitler, lebte doch Maria vor ihrem Job in der Salzburger Villa als Novizin Maria Augusta im Kloster Nonntal.
Trapp verschleierte Herkunft
Die (Stief-)Mutter bietet dabei Stoff für Widersprüche: Sie habe es in ihren Memoiren mit der Wahrheit nicht so genau genommen, sagt Jelinek. Und einiges verfälscht – unter anderem, was ihre Herkunft angeht. „Sie erzählt da fantasievolle Gschichteln.“ Etwa, dass sie angeblich in einem Zug von Zell am See nach Wien geboren wurde. Wie es wirklich war, haben die Autoren trotz einiger Recherche nicht herausgefunden. Dramaturgische Kniffe gibt es in den Erzählungen der Maria von Trapp jedenfalls einige: etwa die Entdeckung des Familienchors durch den Festspielstar Lotte Lehmann 1936 (in Wirklichkeit geschah das wohl zwei Jahre früher bei einem Gauwettsingen im Restaurant zum Elektrischen Aufzug) oder den Auftritt im Konzerthaus, während im Nebensaal der umstrittene US-Star Marian Anderson gesungen habe („Wohl, damit das für das US-Publikum mehr Gewicht hat“).
Zweifellos habe Trapp gemeinsam mit dem Priester Franz Wasner (er fehlt in „Sound of Music“ übrigens gänzlich) den Chor deutlich professioneller gelenkt, als es der Mythos annehmen lasse, sagt Jelinek: „Sie hat die Familie zu einem Wirtschaftsunternehmen geformt.“ Eine Toureinladung in die USA nutzt die Familie, um 1938 das Land zu verlassen. Eine herzige Kinderschar sind sie übrigens längst nicht mehr, als sie Amerika erobern – die meisten der Trapp-Kinder sind junge Erwachsene.
Ein Märchen fürs Bürgertum
Spannend sei auch die Rezeption, sagt Jelinek: Warum „ein derartiger Retrofilm“ wie „Sound of Music“ in den USA in den Sechzigern so gut angekommen sei, zu Zeiten von Bob Dylan und Protesten gegen den Vietnam-Krieg? „Weil das ein wohltuendes Märchen für das Bürgertum war.“ Dass der Film in Österreich kein Kassenschlager wurde, liege u. a. wohl daran, dass es schon 1956 den deutsch-österreichischen Heimatfilm mit Stars wie Hans Holt und Ruth Leuwerik gegeben habe.
Nicht gerade zur Beliebtheit trug bei, dass die US-Variante recht wahllos mit den Schauplätzen umging. Die berühmte Wiese, auf der Julie Andrews „The Sound of Music“ singt, liege zum Beispiel in Berchtesgaden, sagt Jelinek. „Die schönsten Szenen wurden in Bayern gedreht.“ Anders als den Salzburgern ist es den Bayern freilich noch nicht gelungen, das zu vermarkten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2018)