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Die ersten Lebensjahre

Mit 35 Jahren ist Stefanie Höhl bereits Universitätsprofessorin. „Die Entwicklungspsychologie ist meine Leidenschaft“, sagt sie.
Mit 35 Jahren ist Stefanie Höhl bereits Universitätsprofessorin. „Die Entwicklungspsychologie ist meine Leidenschaft“, sagt sie.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Entwicklungspsychologin Stefanie Höhl erforscht, wie Babys und Kleinkinder andere Menschen wahrnehmen und von ihnen lernen.

An der Uni Wien kann es ganz schön verspielt zugehen. Zumindest in den farbenfrohen neuen Spielzimmern am Institut für angewandte Psychologie schließen sich lautes Kinderlachen und ernsthafte Forschung nicht aus. Selbst Windelwechseln, Stillen oder ein Nickerchen der Probanden sieht man am experimentellen Säuglings- und Kleinkindlabor des Arbeitsbereichs für Entwicklungspsychologie entspannt. Stefanie Höhl ist gerade dabei, es aufzubauen. „Ich freue mich riesig, dass es nun richtig losgeht“, sagt die Entwicklungspsychologin. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde die 35-Jährige als Professorin nach Wien berufen. „Jetzt sind wir hier mit unserer ersten Studie beschäftigt.“

Höhl untersucht, ob sich bereits Babys und ihre Eltern auf neuronaler Ebene miteinander abstimmen und welche Rolle körperliche Nähe dabei spielt. Dass es beim gemeinsamen Lösen von Aufgaben eine Synchronizität zwischen der Gehirnaktivität von Vorschulkindern und ihren Müttern gibt, hatte sie zuvor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig festgestellt, wo sie noch immer in Teilzeit ein Forschungsprojekt leitet. „Je übereinstimmender ihre neuronalen Rhythmen waren, desto besser konnten sie unsere Puzzleaufgaben bewältigen.“

 

Lenkung der Aufmerksamkeit

Kinder orientieren sich jedoch schon kurz nach der Geburt an Bezugspersonen. „Säuglinge können so die vielfältigen neuen Sinneseindrücke ordnen und ihre begrenzte Aufmerksamkeitsspanne auf Dinge lenken, die bedeutsam sind.“ Die kleinen Neuankömmlinge seien auch aktive Interaktionspartner, nicht nur passive Beobachter. „Mit weniger als einem Jahr erfassen sie, ob man Blickkontakt mit ihnen aufnimmt oder nicht.“ Und dies beeinflusse, wie sie gemeinsam betrachtete Dinge verarbeiten.

Um die frühkindlichen Entwicklungsprozesse zu verstehen, zeichnet Höhls Team beim Spiel mit den Kindern deren Blickverhalten auf und misst ihre Gehirnströme. „Wir bewegen uns zunehmend von den klassischen Studien weg, in denen den Kleinen nur Bilder oder Filme gezeigt wurden“, so Höhl. „Uns interessiert, was beim echten Austausch mit anderen passiert.“ Die Studien seien so gestaltet, dass sie Kindern von null bis sechs Jahren Spaß machen – „sonst würden sie ja nicht mitmachen“. Den Kontakt mit jungen Familien stellen Kooperationen mit dem AKH und den Kinderfreunden her. „Interessierte können sich aber gern auch selbst bei uns melden.“

Weil sie immer schon vom Gehirn fasziniert war, wollte die gebürtige Darmstädterin zunächst Biologin werden. Dann fand sie aber, dass ihr die Psychologie dieses Gebiet schneller näherbringen könnte, und inskribierte das Fach an der Universität Heidelberg. „Dort wandte man vor allem in der Entwicklungspsychologie neurowissenschaftliche Methoden an.“ So habe sie gemerkt, dass es in der frühkindlichen Entwicklung noch ungeheuer viel zu entdecken gebe. Dennoch stand lang nicht fest, welchen Weg sie wirklich einschlagen wollte. „Geliebäugelt habe ich mit Wissenschaftsjournalismus, aber auch eine Therapieausbildung wäre infrage gekommen“, erzählt Höhl. „Wegweisend war aber ein Forschungspraktikum am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. In dieser Arbeitsgruppe untersuchten wir, wie Babys lernen, andere Menschen zu verstehen und mit ihnen zu interagieren.“

Hier schrieb Höhl ihre Doktorarbeit, die Leidenschaft für die Forschung war geweckt. Postdoc war sie dann wieder in Heidelberg, wo auch ihre beiden Söhne zur Welt kamen. „Meine Chefin an der Uni hat die Familiengründung sehr unterstützt, und ich konnte mich habilitieren.“ Danach ging es als Forschungsgruppenleiterin zurück ans Leipziger Max-Planck-Institut und schließlich nach Wien. „Den Ruf hierher konnte ich unmöglich ablehnen“, sagt sie lächelnd. „Es ist eine tolle Aufgabe, diese Art der neurowissenschaftlichen Entwicklungsforschung hier zu etablieren.“

Privat genieße sie zusammen mit ihrem Mann das kulturelle Angebot der Stadt, und auch für die Buben, heute vier und acht, gebe es jede Menge zu entdecken.

ZUR PERSON

Stefanie Höhl (35) hat an der Uni Heidelberg Psychologie studiert und am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig promoviert. Seit 2017 ist sie Professorin für

Entwicklungspsychologie an der Uni Wien sowie stellvertretende Vorständin des Instituts für angewandte Psychologie und leitet das Säuglings- und Kleinkindlabor des Arbeitsbereichs für Entwicklungspsychologie (www.kinderstudien.at).

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2018)