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Antike Tragödie in moderner Verkleidung

„Girls & Boys“ von Dennis Kelly im Vestibül des Burgtheaters: Alexandra Henkels Monolog macht betroffen.

Diese Frau mit burschikosem Kurzhaarschnitt, im schwarzen Top, in schwarzer Hose, wirkt entschlossen, packt sofort mit an. Noch haben sich bei der Premiere am Mittwoch im Vestibül nicht alle Zuseher gesetzt, noch plaudern einige, da macht Alexandra Henkel die Doppeltüre zum kleinen Bühnenraum des Burgtheaters zu. So deutet sie an, dass „Girls & Boys“ beginnt. Dietmar König, Ehemann der Schauspielerin, ebenfalls vom Burg-Ensemble, hat diesen im Februar in London uraufgeführten Monolog des britischen Dramatikers Dennis Kelly als österreichische Erstaufführung inszeniert.

Henkel spielt eine Frau Mitte dreißig und ist längst in ihrer Rolle, hat bereits einen Zuseher um einen kleinen Gefallen gebeten, ihn wieder zurück in die erste Reihe geschickt. Aus einer Boombox hörte man auch schon „2002“ von Anne-Marie: „Oops, I got 99 problems singing ,bye, bye, bye‘“, sagt uns diese britische Liebesballade. Von Problemen erzählt nun auf der fast leeren Bühne auch die junge Frau ohne Namen, deftig erinnert sie sich an ihre Zeit mit viel Alkohol und wildem Sex, ehe eine Reisephase begann. Dabei lernte sie auch ihren Mann kennen, in der Warteschlange für einen Billigflug. Erst hat sie ihn gehasst, dann sich in ihn verknallt. Inzwischen gibt es zwei Kinder, die kleine Lina und den noch kleineren Benni. Er ist im Vorschulalter. Zumindest macht diese Frau mit wenigen Requisiten (ein Kübel, ein Stuhl) vor, wie sie mit Tochter und Sohn spielt. Lina will Hochhäuser bauen, Benni übt den Krieg.

Eine Kreidezeichnung der Kinder

So sind sie eben, Mädchen versus Buben. Oder? Auch die Ehe verläuft inzwischen überkreuz. Er macht gutes Geld mit dem Verkauf alter Möbel, geht aber pleite. Sie muss sich im TV-Geschäft hochkämpfen (Dokumentation) und wird enorm erfolgreich. Ewas stimmt nicht mit dieser gewöhnlichen Familiengeschichte, mit dieser Beziehungskiste. Sagt uns die Erzählerin die Wahrheit? Sie schlägt gegen eine Holzwand. Es klingt bereits, als ob man das Dumpfe des Schicksals in einer griechischen Tragödie hörte. Sie zeichnet ihre Kinder mit Kreide naiv an die Wand. Wo sind denn Benni und Lina? Wo, verdammt, ist der entliebte Mann?

Diese so simpel erscheinende Inszenierung baut in 75 Minuten enorme Spannung auf. Henkel vermittelt nicht nur die Stärken einer modernen Frau, sondern auch die Verlorenheit unserer Zeit, die Abgründe – eine vielschichtige, große Charakterrolle. Das Ende macht betroffen. Lang anhaltender Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2018)