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Literatur

Wie ein Zuckerwürfel im Wasserglas

Die „Revolution“ von 1918 in Wien. War da was? Für Norbert C. Wolf: Verbalradikalismen im Kaffeehaus und Saalschlachten bei Operettenaufführungen.

Maulhelden, aber Revolutionsmuffel – so lässt sich das politische Profil der Österreicher umreißen. Abgesehen von einigen Gesinnungsprotzen und Gefühlssozialisten, deren Engagement schnell verraucht, lässt sich die Mehrheitsbevölkerung nur von Versorgungsengpässen aus der Ruhe bringen. Sie zieht allemal den Bummelstreik dem Barrikadenkampf vor.

1827 schreibt Beethoven seinem Bonner Verleger Nikolaus Simrock, von den Österreichern sei, solange sie noch braunes Bier und Würsteln hätten, keine Revolution zu fürchten. Gab es nun, abgesehen vom antinapoleonischen Alpen-Dschihad Andreas Hofers und seiner Glaubenskrieger, in Österreich eine Revolution? 1848 war es im Namen des modernen Rechtsstaats zum Umsturz gekommen: Die Beamten, die sich aus den Reihen der Achtundvierziger rekrutierten, filterten die Ziele der Revolution und gossen sie in Verfassungsform – und 1918? War da etwas? Die Monarchie, so Joseph Roth, habe sich damals „aufgelöst wie ein Zuckerwürfel im Wasserglase“, sie sei ohne Zutun der Untertanen zerfallen „wie eine morsche Sitzbank in einem vernachlässigten Park“.