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Weniger arbeiten, um die Umwelt zu schützen?

Wer weniger arbeitet und mehr freihat, kann übers Wochenende nach Barcelona fliegen. Oder einfach im Park entspannen.
Wer weniger arbeitet und mehr freihat, kann übers Wochenende nach Barcelona fliegen. Oder einfach im Park entspannen.(c) APA/AFP/GETTY IMAGES/EDUARDO MUN
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Die WU-Professorin Sigrid Stagl untersucht, ob eine Reduktion der Arbeitszeit zu einer nachhaltigeren Lebensweise führt.

Wien. Wie wirkt sich der Klimawandel auf den Arbeitsmarkt aus – und umgekehrt? Aktuell ist das so, beschreibt Sigrid Stagl, Professorin an der Wiener Wirtschaftsuniversität: „Mehr Produktion, also mehr Arbeitszeit, führt zu mehr Einkommen. Und mehr Einkommen führt zu mehr Emissionen.“ Wer mehr verdient, verkonsumiert zumindest einen Teil seines zusätzlichen Geldes. „Unser Lebensstil ist energieintensiv.“ Wenn wir diese Art des Wirtschaftens beibehalten, müssten wir die Arbeitszeit eigentlich reduzieren, um den Ressourcenverbrauch zu senken, sagt Stagl. Die Entwicklung geht aber in eine andere Richtung: Mit 1. September wurde die erlaubte Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden täglich und von 50 auf 60 Stunden wöchentlich erhöht.

Wie nachhaltig ist das Arbeitszeitgesetz? Darüber diskutiert Stagl am Dienstag mit Wirtschaftskammer-Generalsekretär Karlheinz Kopf. Die Diskussion dürfte spannend werden. Denn bei der Kammer kann man mit Arbeitszeitverkürzung gar nichts anfangen. Stagl hat Verständnis dafür, dass in den Unternehmen bei Bedarf mehr gearbeitet werden muss. Entscheidend sei das Ausmaß. Sie plädiert vor allem für eine gleichere Verteilung von Arbeit. Arbeit ist in Österreich ungleich verteilt: 48 Prozent der Frauen arbeiten Teilzeit, aber nur elf Prozent der Männer. Männer arbeiten im Durchschnitt 35 Stunden pro Woche, Frauen 27, so die Daten der Statistik Austria (inklusive Überstunden, abzüglich Krankenstände und Urlaub). Zumindest auf die „soziale Nachhaltigkeit“ würde sich eine gleichere Verteilung positiv auswirken.

 

Flugreisen zu Diskontpreisen

Ob die gleichere Verteilung von Arbeit auch der Umwelt guttun würde? Das untersucht Stagl an der Wirtschaftsuniversität. Mit einer Arbeitszeitreduktion ist es jedenfalls nicht getan, sagt die Ökonomin. „Reduktion bedeutet nicht automatisch Verbesserungen für die Umwelt.“ Es hänge stark davon ab, was die Menschen mit ihrer gewonnenen Zeit tun. „Es kann sein, dass sie ihre zusätzliche Freizeit ansparen und mehr internationale Reisen machen.“

Da kommen die Steuern ins Spiel. Der Flugzeugtreibstoff Kerosin wird nicht besteuert. Emissionen, die bei internationalen Flügen anfallen, würden nirgends verbucht, sagt Stagl. „Wenn Flugreisen zu Diskontpreisen verfügbar sind, werden die Leute, selbst wenn sie zu Mittag zu arbeiten aufhören, übers Wochenende nach Barcelona fliegen.“

Also müssten die Anreize für einen nachhaltigen Lebensstil erhöht werden: Zum Beispiel, indem man Flugreisen höher besteuert, an Produkten im Supermarkt den ökologischen Fußabdruck vermerkt, umweltfreundliche Produkte vergünstigt. „Man muss sich sehr bemühen, um nachhaltig zu leben.“

Veranstaltung

„Zwölf-Stunden-Tag – Wie nachhaltig ist flexible Arbeit?“ Darüber sprechen am Dienstag um 18 Uhr im WU-Festsaal Sigrid Stagl, Leiterin des Institute for Ecological Economics, und WKO-Generalsekretär Karlheinz Kopf. „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak moderiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2018)