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Österreicher sind zufrieden auf Kosten der Umwelt

(c) REUTERS (Antonio Bronic)
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Die Österreicher sind konstant sehr zufrieden. Was am wachsenden Wohlstand hängt, von dem sich der Ressourcenverbrauch nicht wie erhofft entkoppelt. Hier die Sorgen im Detail.

Wien. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben, auf einer Skala von Null bis Zehn? Das fragt man Menschen in ganz Europa. Die Österreicher bewerten ihre Lage im Schnitt mit 7,9 Punkten, was klar über dem EU-Mittel von 7,1 liegt. Nur die Skandinavier sind noch ein wenig zufriedener. Der Wert ist zudem konstant hoch. Das ist das frohe Fazit der Statistik Austria, in ihrer Untersuchung „Wie geht's Österreich?“, die nun zum fünften Mal seit 2013 vorliegt. Wobei heuer erstmals ein „unabhängiges Expertengremium“ die Entwicklung der Indikatoren im Schulnotensystem bewertet hat. Was für einen guten Überblick sorgt (siehe Grafik). Und zeigt: Die Sorgen und Probleme liegen im Detail.

Umwelt. Bei der erfragten Zufriedenheit geht es nicht um „emotionale Zustände“, sondern um ein „reflektiertes und breites Urteil“ – sprich: vor allem um handfeste, materielle Faktoren. Die Österreicher sind also zufrieden, weil sie in einem reichen Land leben. Aber ihr Wohlstand ist ökologisch teuer erkauft. Schon manche Voraussetzungen sind schlecht: In den Alpen sind die Winter kalt, also wird mehr geheizt als anderswo. Österreich ist ein Transitland mit viel Lkw-Verkehr. Und gerade im aktuellen Aufschwung ist es nicht gelungen, das Wachstum von Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung zu entkoppeln.

► BIP und Konsum. Dabei müssen wir im Wirtschaftswachstum mithalten, um den Wohlstand und damit die Zufriedenheit langfristig zu sichern. Nun ist ja die heimische Wirtschaft zuletzt wieder stärker gewachsen als im EU-Mittel. Aber das ist durch die Zuwanderung getrieben. Das Wachstum pro Kopf ist unterdurchschnittlich. Nicht nur im Vorjahr (1,9 Prozent versus 2,6 im EU-Mittel). Auch über die lange Frist seit 2000 bleibt das heimische Pro-Kopf-Wachstum um 3,6 Prozentpunkte hinter der gesamteuropäischen Dynamik zurück. Insofern wirkt die Bewertung dieses Indikators mit „Gut“ recht milde. Das gilt auch für den großzügigen „Zweier“ beim privaten Pro-Kopf-Konsum: Er war im Vorjahr real, also inflationsbereinigt, nicht höher als 2011.

Ungleichheit. Überraschend kritisch sehen die Juroren hingegen die Verteilung der Einkommen. Das reichste Fünftel der Haushalte bezieht (inklusive Transfers) ein um 4,2 mal höheres Einkommen als das ärmste. Dieses Verhältnis blieb in den letzten zehn Jahren fast konstant, und die Verteilung ist deutlich gleichmäßiger als im EU-Schnitt (5,0 mal). Das kommt auch heraus, wenn man alternativ den Gini-Koeffizienten als Ungleichheitsmaß verwendet. Dennoch vergaben die Experten nur eine „Drei“ für die lange Sicht. Und kurzfristig gar nur eine „Vier“, obwohl die geringe Erhöhung der letzten drei Jahre in der gewohnten Schwankungsbreite liegt.

Als zweiter Indikator dient die Schere zwischen hohen und niedrigen Individuallöhnen. Dieses Maß ist aber, wie die Statistiker selbst betonen, nicht aussagekräftig, weil hierzulande seit der Jahrtausendwende sehr viele Menschen (vor allem Frauen) als Teilzeitkräfte in den Arbeitsmarkt eingestiegen sind, was die unteren Löhne drückt. Ein Problem stünde dahinter nur, wenn sie lieber einen Vollzeitjob hätten. Aber die Befragung zeigt, dass nur knapp 23 Prozent der Teilzeit-Erwerbstätigen mehr Stunden arbeiten möchten. Auch ihre Lebenszufriedenheit ist exakt gleich hoch wie jene der Vollzeitbeschäftigten.

Langzeitarbeitslose. Es gibt überhaupt nur eine Bevölkerungsgruppe, die bei der Zufriedenheit deutlich nach unten abweicht: die Langzeitarbeitslosen. Ihre Zahl ist im Vergleich zur Summe der Bevölkerung nicht sehr groß und schwankt wenig. Das erklärt, warum der Zufriedenheitswert im Mittel der Befragten seit 2013 fast konstant ist, unabhängig vom (relativ leichten) Auf und Ab der Wirtschaftslage in diesen Jahren.

Wohnkosten. Ein Problem sehen die wertenden Experten bei der „Überlastung mit Wohnkosten“. Der Indikator ist neu. Es geht um Haushalte, bei denen der Aufwand fürs Wohnen 40 Prozent des Einkommens übersteigt. Ihr Anteil ist seit 2008 von sechs auf sieben Prozent gestiegen, scheint sich aber schon seit 2012 auf diesen Wert einzupendeln – also keine dramatische Entwicklung. Zumal der Anteil der „Überlasteten“ im europäischen Schnitt mit über zehn Prozent viel höher liegt.

Auf einen Blick

Die Statistik Austria misst in ihrer jährlichen Studie „Wie geht's Österreich?“ 29 Indikatoren zu Wohlstand, Lebensqualität und Umwelt. Erstmals hat heuer ein Expertengremium die Entwicklungen nach dem Schulnotensystem bewertet. Das gute Ergebnis wird durch Umweltprobleme getrübt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2018)