The Wunderkind und die Kunstfigur

Eva Glawischnig
Eva GlawischnigAPA/HERBERT-PFARRHOFER

Leitartikel Eva Glawischnig spricht abgeklärt von der mühseligen „Emotionsbewirtschaftung“ in der Politik. Diese kennt auch Sebastian Kurz nur zu gut.

Es ist ein Phänomen, das normale Wähler nicht selten sehen und das die Betroffenen auch ungern öffentlich machen: An den Schaltstellen von Politik und Wirtschaft gibt es sehr viele Persönlichkeiten, die fraktionsübergreifende Freundschaften oder zumindest äußerst freundliche Bekanntschaften pflegen.

Da kommt es dann immer wieder vor, dass ein Politiker einer Regierungspartei mit einem der Opposition einen amikalen Umgang pflegt und nur, wenn die Kameras dabei sind, wieder per Sie wird. Politik ist eben immer auch ein wenig Show und viel Inszenierung, wie Christian Kern beklagt und in seinem kurzen politischen Gastspiel dann auch selbst gelebt hat.

Von den Parteichefs und Spitzenkandidaten der vergangenen Legislaturperiode sind mittlerweile nur noch Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache übrig geblieben. Dem Rest wurde buchstäblich das Handtuch geworfen. Eine von ihnen ist Eva Glawischnig, die ein bemerkenswertes Interview in der „Süddeutschen“ gegeben hat. Die neue Nachhaltigkeitsbeauftragte des Glücksspielkonzerns Novomatic schildert mit entwaffnender Offenheit, dass sie sich in der Politik als „Kunstfigur“ gefühlt habe, die als Projektionsfläche ihrer Partei und ihrer Wähler immer den politischen Erwartungen gerecht habe werden müssen – auch den inhaltlichen.

Zwischen den Zeilen liest man da deutlich: Es war nicht immer ihre Meinung, die sie da vertreten hat. Sie habe auch mitunter sogenannte Emotionsbewirtschaftung betreiben müssen, also eben auch ein wenig der Logik des Populismus folgen müssen.

Ein Meister in der Emotionsbewirtschaftung war und ist Sebastian Kurz, der bei seinen Gegnern übrigens fast noch mehr Emotionen auslöst als bei seinen Anhängern. Eine kleine Episode aus Vorarlberg zeigt das ganz deutlich: In Sulzberg hat sich eine nicht nachvollziehbare, inhumane Polizeiaktion zugetragen. Eine dreiköpfige Familie hätte frühmorgens abgeschoben werden sollen. Die Frau war schwanger und wurde krank, daraufhin durfte sie bleiben, Vater und Kleinkind wurden von ihr getrennt und nach Wien abtransportiert. Vor allem lokal fielen die Reaktionen vieler Bürger äußerst empört aus. Kurz kam vor Ort zu einer Veranstaltung, bei der ihm diese negativen Emotionen entgegenschlugen, er stellte sich den Kritiker, wurde kritisiert und bekam auch Applaus.

Im konkreten Fall scheint die Lage klar zu sein. Ist ein Asylverfahren negativ beschieden, müssen die Betroffenen das Land verlassen. Der Grad der Integration darf in einem Asylverfahren keine Rolle spielen. Polizisten dürfen aber nicht das Recht haben, Eltern von ihren Kindern zu trennen. Und: Nicht nur Heinz Faßmann weiß, Europa wird es ohne Zuwanderung ökonomisch nicht schaffen, über Asylverfahren soll und darf sie nicht organisiert werden. Sondern über eine hoffentlich bald vorliegende, besser konzipierte Österreich-Card, also ein System für qualifizierte Zuwanderung. Ganz unemotional.

Wie sehr Kurz die Medien fasziniert und emotionalisiert, zeigt die Londoner „Times“, die Kurz über Seiten porträtiert, unter dem Titel „The Wunderkind“ beschreibt. Schmeichelnd wird da sein Aussehen mit jenem eines Schauspielers verglichen, werden seine schönen Augen erwähnt. Selbst den Slim-Fit-Anzug als Charakterisierung hat Kurz nun Christian Kern abgenommen (dem bleibt wirklich nur noch Instagram). Inhaltlich ähnelt Kurz für die „Times“-Autorin dem durchaus erfolgreichen einstigen Tory-Schatzkanzler George Osborne. Natürlich fehlt in dem Text nicht der Hinweis, dass Kurz entweder neuer Politstar und Prototyp eines erfolgreichen Mitte-rechts-Politikers sei – oder eben der gefährlichste Österreicher seit 70 Jahren. Und man ahnt, wer gemeint ist.

Politik, das Feld der Emotionsbewirtschaftung, scheint ein wahres Minenfeld und Burn-out-Förderzentrum für Menschen zu sein. Viele Publizisten wissen das genau, spielen dennoch mit und befeuern es. Es ist fast verwunderlich, dass sich da noch Menschen wie Glawischnig, Kern und – noch erfolgreich – Kurz das freiwillig alles antun. Zumal sie von Kollegen intern wie fraktionsübergreifend hören, wie hart es ist.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2018)