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Pfleger haben wenig Zeit für Pflege

Die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause von Angehörigen betreut. 75.000 waren zuletzt in Heimen untergebracht.
Die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause von Angehörigen betreut. 75.000 waren zuletzt in Heimen untergebracht.(c) REUTERS (Thomas Peter)

Keine Altersgruppe wächst so stark wie die der über 80-Jährigen. Ins Pflegeheim kommt man heute später und in schlechterem Zustand. Viele Pfleger sind überfordert.

Wien. Die Gesellschaft altert rasant: Schon jetzt gibt es in Österreich 432.000 Hochbetagte – also Menschen, die 80 Jahre alt oder älter sind. Bis 2030 sollen es laut Prognose 640.000 sein. Keine Altersgruppe wächst so schnell. Damit steigt auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Eine halbe Million Menschen bezieht in Österreich Pflegegeld. Der Großteil von ihnen wird zu Hause von den Angehörigen, vor allem Töchtern und Schwiegertöchtern, gepflegt. 75.000 waren zuletzt in Pflegeheimen untergebracht. Die Bedingungen dort lassen oft zu wünschen übrig, findet die Arbeiterkammer. Sie hat eine große Studie bei der Universität Innsbruck in Auftrag gegeben – mit „alarmierenden Ergebnissen“, wie AK-Präsidentin Renate Anderl am gestrigen Montag sagte.

Die Mitarbeiterinnen in den Heimen können laut der Studie nur zehn Prozent ihrer Arbeitszeit für persönliche Betreuung aufwenden – gemeint sind emotionale Zuwendung, persönliche Gespräche mit den Bewohnern und die Begleitung im Alltag. Im Nachtdienst sei oft ein Pflegeassistent allein für 30 Personen zuständig, häufig sei keine diplomierte Pflegekraft dabei. Der Personalbedarf werde zu knapp kalkuliert, weil auch schwangere oder karenzierte Mitarbeiter, Zivildiener, Reinigungskräfte oder administratives Personal einbezogen werden. Kurz: In den Heimen herrscht chronischer Personalmangel. „Die Arbeitnehmer stehen ständig unter Druck“, sagt Silvia Rosoli, Leiterin der Abteilung Gesundheitsberuferecht und Pflegepolitik in der AK Wien.

Der zwischenmenschliche Aspekt werde zu wenig als Arbeitsbestandteil anerkannt. Das setze die Pflegenden unter Stress, weil sie das Gefühl hätten, den Heimbewohnern nicht das geben zu können, was sie brauchen. Ein Problem sei auch, dass immer mehr Zeit für Bürokratie draufgeht. Der Druck durch Kontrollbehörden steige. Die Beschäftigten gaben an, 30 bis 50 Prozent ihrer Arbeitszeit für Dokumentations- und Administrationsaufgaben zu verwenden. Zeit, die dann für die Pflegebedürftigen fehlt.

Die AK sieht eine „dramatisch größer werdende Personallücke“ im stationären Pflegebereich. Bis ins Jahr 2050 werden jedes Jahr 40.000 zusätzliche Pflegekräfte gebraucht. Das wird durch eine anstehende Pensionierungswelle verschärft. Jüngere seien oft nicht bereit, diese Arbeit lange zu machen. Um mehr Menschen für diese Jobs zu begeistern, müsse man die Arbeitsbedingungen verbessern, so Anderl.

 

Regierung plant Pflege-Gütesiegel

In Österreich gibt es 900 Alten- und Pflegeheime, die quer durch die Bundesländer voll ausgelastet sind. Die Regierung hat angekündigt, bis Ende des Jahres ein Konzept für die Pflege vorzulegen. Details dazu sind bislang noch keine bekannt. Das Ziel schon: Wann immer es möglich sei, müsse die Pflege zu Hause stattfinden können.

Möglich ist das mit der 24-Stunden-Betreuung. Die öffentliche Hand fördert das mit rund 500 Euro pro Pflegling und Monat, zusätzlich zum Pflegegeld. 2017 nahmen das laut Sozialministerium 34.400 Haushalte in Anspruch. Derzeit sind rund 60.000 aktive Personenbetreuerinnen registriert, die meisten kommen aus Rumänien und der Slowakei und pendeln für zwei bis drei Wochen nach Österreich. Die Gewerkschaft Vidaflex ortet auch hier Missstände: Die Arbeit bringe die Betreuerinnen oft an ihre Leistungsgrenzen, für viele blieben wenig Lohn, Knebelverträge und soziale Isolation wegen Sprachbarrieren übrig. Mit dieser Kritik kann Andreas Herz von der zuständigen Fachgruppe in der Wirtschaftskammer wenig anfangen. Das österreichische Modell der 24-Stunden-Pflege sei sehr attraktiv, sowohl für die Familien als auch für die Pflegerinnen. Als Krankenschwester in Rumänien verdiene man 200 Euro, als Pflegerin in Österreich 1500 Euro. Außerdem sei man kranken- und pensionsversichert. „Wenn ich mit großen Agenturen spreche, sagen sie immer, dass die Pflegerinnen zuerst nach Österreich vermittelt werden wollen“, sagt Herz. Das Sozialministerium arbeitet derzeit an einem Gütesiegel für Agenturen, die 24-Stunden-Betreuung anbieten. Voriges Jahr förderte der Staat die 24-Stunden-Betreuung mit 159 Mio. Euro. Für Sachleistungen wie Pflegeheime und mobile Pflege flossen 1,94 Mrd. Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2018)