Leitzins. Die Konjunktur in Europa flaut ab, nicht nur Italien macht Angst. Die Zinsschere zwischen Europa und den USA könnte weiter aufgehen. Beizeiten wird es wohl krachen.
New York. Jetzt könnte es also doch so kommen, wie das so mancher Ökonom befürchtet hat. Seit Jahren pumpt die Europäische Zentralbank (EZB) – trotz Hochkonjunktur – Geld in die Märkte. Aktuell kauft sie monatlich noch Anleihen um 15Milliarden Euro. Im Dezember wollen die Währungshüter das Programm beenden, und auch über eine Zinserhöhung 2019 denken sie laut nach. Einzig: Gerade jetzt trübt sich die Konjunktur ein und dank Italiens Flirt mit dem Staatsbankrott sowie dem Drama um den Brexit könnte es noch schlimmer kommen.
Vorsichtig beginnen sich Marktteilnehmer zu fragen, was passiert, wenn die Notenbank in Frankfurt stehen bleibt und der Leitzins auch in einem Jahr noch bei Null liegt. Einen Vorgeschmack auf die zu erwartende Reaktion gab es vergangene Woche: Der Euro brach zwischenzeitlich ein und notierte gerade noch bei 1,12 Dollar – der niedrigste Wert seit Juni 2017. Die Aktienkurse rasselten nach unten, keine Rede mehr von einer ernsthaften Erholung nach dem Gemetzel im Oktober.
Gruseliger Gedanken
Das hat seinen Grund und der Gedanke ist tatsächlich gruselig: Die Möglichkeit einer anstehenden Rezession – ohne Spielraum der Zentralbank, die Auswirkungen mit einer expansiven Geldpolitik abzufedern.
Noch ist es nicht so weit. Selbst wenn Deutschlands Konjunktur im vorigen Quartal erstmals seit Anfang 2015 zurückging, legt der Euroraum immer noch zu. Auch die EZB geht nach wie vor davon aus, 2019 keine Staatspapiere mehr zu kaufen und im Spätsommer oder Herbst die Zinsen zu erhöhen.
Klar ist allerdings, dass die Zinsdifferenz zwischen Europa und den USA in den nächsten Monaten weiter zunehmen wird. Die US-Notenbank Fed dürfte im Dezember ihren Leitzins auf eine Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent anheben – laut Optionsbörse CME liegt die Wahrscheinlichkeit dafür bei drei Viertel – und auch 2019 zwei oder drei weitere Erhöhungen ins Auge fassen. Dass in einer global verwobenen Wirtschaftswelt die Zinspolitik der zwei wichtigsten Notenbanken derart auseinanderklafft, ist, gelinde gesagt, ungewöhnlich. Und dass der Spalt noch größer wird, verheißt für europäische Anleger wenig Gutes.
Irgendwann wird die nächste Rezession kommen, sowohl in den USA wie auch in Europa. Wenn es so weit ist, spricht einiges dafür, jenseits des Atlantiks investiert zu sein.
Besser in die USA
Klar würde es auch an den US-Märkten herbe Verluste setzen. Doch hätte die Fed mehr Spielraum, um unterstützend zu wirken, würden die Kurse dann wohl schneller wieder anziehen. Wichtig ist dabei die langfristige Perspektive. Wer in einem oder zwei Jahren das Kapital braucht, sollte momentan, zumindest was den Aktienmarkt betrifft, eher abwarten.
Für einen Zeitraum von zwei Jahren lohnt sich hingegen ein Blick auf US-Staatsanleihen. Zweijährige Treasuries flirteten zuletzt wieder einmal mit einer Rendite von drei Prozent. Wer jetzt einkauft und die Papiere bis zur Fälligkeit hält, muss zwar das Währungsrisiko berücksichtigen, macht sonst aber wohl nicht viel falsch. Und wenn die EZB tatsächlich stehen bleibt, wird der Dollar eher weiter zulegen, was für den europäischen Anleger in den USA einen Wechselkursgewinn bedeutet. [ iStockphoto ]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2018)