Der Schach-Weltmeister wechselt die Glückssocken

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Die WM in London hat bislang acht Remis zwischen Magnus Carlsen und US-Herausforderer Fabiano Caruana gebracht. Statt über Siege wird also über Elfmeter, Sockenfarben und das näherrückende Tiebreak diskutiert.

London/Wien. Manchmal beschreiben Analogien aus dem Sport Situationen am besten. Ob es sich anfühlte, als habe er einen Elfmeter verschossen, wurde Fabiano Caruana nach dem achten Remis bei der Schach-WM in London gefragt. Mit der Sweschnikow-Variante der Sizilianischen Verteidigung hatte der US-Herausforderer am Montag mit den weißen Figuren Weltmeister Magnus Carlsen ins Schwitzen gebracht, seinen Vorteil im 24. Zug jedoch verspielt. „Ich hatte Chancen, aber wie gut sie waren, lässt sich schwer sagen. Nur weil man Magnus unter Druck setzt, heißt das nicht, dass er zusammenbricht“, antwortete Caruana.

So endete auch das achte Kräftemessen der Nummern eins und zwei der Weltrangliste mit einer Punkteteilung, der WM-Rekord von 1995 (Garri Kasparow gegen Viswanathan Anand) ist damit eingestellt. „Das war ein hartes Spiel, er hatte alle Möglichkeiten. Deshalb bin ich froh, dass ich überlebt habe“, gestand Carlsen. Den Hinweis des Moderators, dass es in England Tradition sei, Elfmeter zu vergeben, konterte der Norweger mit Verweis auf die letzte Fußball-WM in Russland: „Nicht mehr!“

Neben Caruanas spielentscheidendem Zug war ein Garderobenwechsel Carlsens das große Gesprächsthema: Der Norweger trug zu Beginn der Partie knallrote Socken, wechselte dann bei einem Abstecher in den Ruheraum zu schwarzen und sicherte darin das Remis. War das die Geburtsstunde neuer Glücksbringer? Denn das rote Paar mit NBA-Logo, das, wie Carlsen später erläuterte, bei der Titelverteidigung 2016 gegen den Russen Sergej Karjakin in New York zu seinem Talisman geworden war, hat offensichtlich an Wirkung verloren.

 

Die Zeit spricht für Carlsen

Vor der neunten Partie heute (16 Uhr MEZ) im „College“, einem etwas baufälligen viktorianischen Gebäude im Stadtteil Camden, halten Carlsen und Caruana bei je vier Zählern, 6,5 braucht es für den Titel. Sollten auch die nächsten vier Partien bis Montag unentschieden enden, würde der WM-Kampf ins Tiebreak gehen. In diesem werden zunächst je vier Schnellschachpartien mit nur noch 25 Minuten Bedenkzeit, danach gegebenenfalls vier Blitzpartien à fünf Minuten ausgetragen.

Bei Schachenthusiasten ist dieses Format umstritten, sie kritisieren das völlig andere Spiel. Eines, das Carlsen dem Papier nach besser beherrscht: Der Weltmeister firmiert auch im Schnell- und Blitzschach als Nummer eins der Welt (Caruana Platz acht bzw. 16) und verteidigte bereits vor zwei Jahren gegen Karjakin seinen Titel erfolgreich im Tiebreak. „Wenn es dazu kommt, bin ich bereit. Aber noch ist eine Menge Schach zu spielen, wird es noch viele Wendungen geben“, erklärte Carlsen.

Im Fall der Fälle würde übrigens eine Armageddon-Partie entscheiden: Weiß erhält fünf und damit eine Minute mehr Zeit, muss dafür aber gewinnen. (swi)