Rolls-Royce Cullinan: Das Lustschloss

Die alte Hütte renovieren? Da legen wir uns lieber einen Cullinan zu!(c) Juergen Skarwan

Wenn das Leben eine einzige Steigung ist, darf man auch etwas höher sitzen.

Seid bloß nicht schüchtern“, sprach die Kundschaft, als die Gesandten von Rolls-Royce vorsprachen, um behutsam die Stimmung auszuloten. Man will ja nur nichts falsch machen. In Goodwood (oder München) wurden Pläne gewälzt für ein SUV, eine Premiere bei der feinen Marke. Wenn es die prospektiven Kunden denn nicht als Sakrileg zurückweisen würden.

„Traut euch“, sagten diese stattdessen.
„Make it BIG!", riefen sie.
Das, fanden die Obersten, würde sich arrangieren lassen.

Es waren also nicht unbedingt die Feingeister, die ihn riefen. Doch hier steht er nun, wahrlich nicht als Schüchti: Der Cullinan ist über die Welt gekommen, und er krümmt sich nicht unter der Last des großen Namens. Über 5,3 Meter lang, knapp zwölf Quadratmeter Pomp und Pläsier, standesgemäß mit einem Zwölfzylinder im Maschinenraum. Wer den Cullinan überragen will, muss mindestens 1,84 Meter hoch sein (Einsteigen kann man freilich auch als Zwerg ohne Schemerl: Das Luftfahrwerk senkt sich beim Herannahen des Schlüsselhalters um vier Zentimeter ab).

Anhänger? Hätte man früher danach gefragt, wäre man vom hof gejagt worden.


Man könnte meinen, die Marke hätte mit dem Phantom schon ein Schlacht-, Pardon, Flaggschiff in der Flotte. Doch der Cullinan ist ganz anders. Erstmals führt man die drei magischen, bislang aber als ordinär erachteten Buchstaben im Wortschatz: S, U und V. Der Cullinan ist der Royce, mit dem man überallhin kommt, verspricht die Marke – wenn man halt schon ganz oben ist, pekuniär betrachtet. Aber ein bisschen Steigung und Gefälle, Unterholz und Morast, das kann dieses Vehikel nicht aufhalten. Der erste Rolls-Royce der Markengeschichte mit Allradantrieb verfügt folgerichtig über einen
„Everywhere“-Button, der alle Systeme zum Offroad-Einsatz ruft. Dieser Charakter ist der Marke nicht gänzlich wesensfremd: Die Option einer robusten Federung hieß dort früher „Kolonial-Fahrwerk“. Sei es, damit der Maharadscha in seinem Royce zur Tigerjagd antreten konnte.
Das Ungewöhnlichste am Cullinan ist wohl ein Teil, das in der Welt der Durchschnittsverdiener und anderer Habenichtse zu den allergewöhnlichsten gehört: eine Anhängerkupplung. Sie schwenkt auf Knopfdruck elegant unter der Heckschürze hervor und zieht sich ebenso zurück. Das muss man einen Moment lang wirken lassen: Hätte man vor 20 Jahren beim Royce-Händler nach einer Anhängerkupplung gefragt, wäre man vom Hof gejagt worden. So ändern sich die Zeiten.

Verkehrt: Das Ungewöhnlichste am Cullinan zählt anderswo zum gewöhnlichsten.

Zunächst ist mit dem Gerücht aufzuräumen, der Cullinan wäre nur ein veredelter Doppelgänger des kommenden BMW X7. Wahr sei vielmehr – das bekommen wir vom technischen Personal erklärt: der BMW X7 ist ein gestreckter Doppelgänger des X5, während der Cullinan wie auch der Phantom auf einer eigenen Alu-Architektur aufgebaut ist, gefertigt in einem Rolls-eigenen Werk nahe Dingolfing in Bayern. Ausgesprochen leicht ist er deswegen freilich nicht. Das Leergewicht beträgt 2660 Kilogramm, „da haben wir nicht aufs Pfund geschaut“, erzählt der Ingenieur. In einem Phantom seien allein 120 kg Dämmmaterial verbaut, im Cullinan wären es nicht weniger. Der Charakter einer flauschigen Kapsel ist eben Trademark eines Herstellers, der früher damit geworben hat: „Bei 60 Meilen in der Stunde ist das lauteste Geräusch in einem Rolls-Royce das Ticken der Borduhr.“

Der Cullinan ist, davon unbenommen, eine recht deutsche Angelegenheit. Das hat dem Auto nicht einmal auf dem Heimmarkt Großbritannien geschadet – die Insel ist das viertgrößte Absatzgebiet nach den USA, China und den Scheichs. Bodengruppe wie auch der Antriebsstrang sind Made in Germany, mit dem kolossalen Turbo-Zwölfzylinder aus BMW-Fertigung und der Achtgangautomatik, die feiste 850 Newtonmeter Drehmoment zu verarbeiten hat, von ZF in Friedrichshafen. Selbst das Leder kommt aus dem deutschen Städtchen Rehau, die berühmte Connolly-Haut ist auch schon Geschichte. Montiert, lackiert und gefinished wird jedoch im Rolls-Royce-Werk in Goodwood, wo sich Spezialisten ihrer Zunft ans Werk machen. Kunstfertige Handwerker der Leder-, Metall- und Holzverarbeitung machen aus einem Autoinnenraum erst den Salon, den sich Kunden vorstellen, bei denen Geld eine sehr große, andererseits auch wieder gar keine Rolle spielt. Kaum ein Royce geht von der Stange aus dem Haus. Alles ist möglich, auch das Artwork vom Lieblingskünstler, crashsicher am Armaturenträger präsentiert oder in Intarsien hinterlegt.

Schwebend stiebt man von dannen, ganz nach Art des Hauses.

In Fahrt setzt sich das rollende Lustschloss formvollendet nach Art des Hauses. Der Begriff „Magic Carpet Ride“ mag etwas banal klingen, trifft die Sache aber ganz gut. Schwebend stiebt man von dannen, getragen von einer Drehmomentwelle, der so bald nicht der Schwung ausgeht. Das dicke Lenkrad lasse das Auto gleich als Selbstfahrer erkennen, meint man bei Rolls-Royce, dennoch warten Sprudel und Whisky in der hauseigenen Bar im Fond als quasi Standardausrüstung. Die zweigeteilte Heckklappe lässt sich in eine Sitzgelegenheit umwandeln, um entweder den Sonnenuntergang bei einem Picknick zu genießen oder Elefantenherden mit der Steyr-Mannlicher-Büchse zu dezimieren, wo das noch erlaubt ist und zum guten Ton gehört. Könige haben bekanntlich eine Schwäche dafür.
Wie viele Cullinans sich wirklich durchs Unterholz wühlen werden – wie es bei SUVs so ist –, geht es eher um die Möglichkeit als den Vollzug.

(c) beigestellt

Der Klunker aus Goodwood:

Wie der aktuelle Phantom basiert der nach einem Diamanten benannte Cullinan auf einer Alu-Plattform. Wer will, kann damit auch ins Gelände.

Name : Rolls-Royce Cullinan
Preis : ab 265.000 Euro ohne Steuern
Motor : V12-Zylinder-Biturbo, 6,75 ltr.
Leistung : 571 PS bei 5000/min
Drehmoment : 850 Nm ab 1600/min
Antrieb : Allrad
Gewicht : 2660 kg
Vmax : 250 km/h (elektr. abgeregelt)
Verbrauch : 15,0 l/100 km lt. Norm

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