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Das brisanteste Fußballderby der Welt

Bebende Tribünen, mythische Stimmung, Fanchoräle und Emotion in höchster Reinkultur: Aber nicht beim Match, 50.000 Zuschauer strömten zum Abschlusstraining der Boca Juniors.
Bebende Tribünen, mythische Stimmung, Fanchoräle und Emotion in höchster Reinkultur: Aber nicht beim Match, 50.000 Zuschauer strömten zum Abschlusstraining der Boca Juniors.(c) REUTERS (MARCOS BRINDICCI)
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Boca Juniors und River Plate verbindet eine der größten Rivalitäten im Weltfußball. Aber just in diesem „Superclásico“ wird heute der Gewinner der südamerikanischen Champions League gekrönt. Buenos Aires ist gespalten.

Buenos Aires. Blau-Gelb gegen Weiß-Rot, treffen diese Farben im argentinischen Fußball aufeinander, verblassen rundum alle Themen. Dann dreht sich alles in Buenos Aires nur noch um die Boca Juniors und ihren Erzrivalen, River Plate. Dieser „Superclásico“ gilt als eines der feurigsten, emotionalsten Stadtderbys der Welt.

Die heute anhebende Auflage dieses ewigen Vergleichs hat allerdings historisches Ausmaß. Es ist das Endspiel der Copa Libertadores (21 Uhr, live, Dazn), das Hinspiel in La Bombonera, der Stadion-Praline der Juniors, endete 2:2. Da die Auswärtstorregel nicht gilt, muss es heute einen Sieger geben; spätestens im Elferschießen.

 

Tickets ab 1500 Dollar

Boca, Exklub von Diego Maradona, könnte mit dem siebenten Titel mit Rekordsieger Independiente, einem Klub aus dem Vorort Avellaneda, gleichziehen. Zuletzt war Blau-Gelb 2007 erfolgreich. River Plate, ob vergangener, verklärter Transfers als „Los Millonarios“ bekannt, hat die südamerikanische Champions League dreimal, zuletzt 2015, gewonnen. Jetzt hat der Verein, bei dem Größen wie Alfredo di Stefano oder Mario Kempes spielten, Heimvorteil.

Im Estadio El Monumental werden 66.000 Zuschauer erwartet. Für den Schwarzmarkt war diese erstmalige Finalpaarung Gold wert. Tickets wurden ab 1500 Dollar aufwärts verkauft. Die Atmosphäre im WM-Finalstadion von 1978 – Argentinien gewann damals 3:1 nach Verlängerung gegen die Niederlande und Ernst Happel – wird aufgeheizt sein. Und das, obwohl Auswärtsfans in Argentinien wegen anhaltender gewalttätiger Ausschreitungen, verursacht durch Drogen, Alkohol und kriminelle Verbindungen, seit 2013 nicht mehr erlaubt sind.

Geht es um den „Superclásico“ sind Ausschreitungen in Argentinien eine offenbar fix einkalkulierte Begleiterscheinung. Schon 1931, beim ersten Derby der Profiära, gab es Tumulte auf den Tribünen und dem Rasen.

 

50.000 Fans beim Training

Der Erfolg der nun seit fünf Jahren greifenden Regierungsmaßnahme ist jedoch überschaubar: Seit 2008 sind 138 Fußballfans gestorben, davon 53 seit Ausschluss der Gästefans. Also verabschiedeten sich 50.000 Fans beim Abschlusstraining (siehe Bild) von ihren Boca-Lieblingen. Nach Angaben der Zeitung „Clarín“ handelte es sich dabei um einen Zuschauerweltrekord für ein publikumsoffenes Training.

River Plate gilt als Favorit. El equipo de la banda roja setzt auf das Geschick von Torhüter Franco Armani und Stürmer Lucas Pratto. Der in Europa bekannteste Akteur ist Mittelfeldmann Enzo Pérez (32, Benfica, Valencia). An Jungstar Exequiel Palacios, 20, soll Real Madrid interessiert sein. Bei Boca sticht Flügelspieler Cristian Pavon heraus. Dazu könnte Altstar Carlos Tévez, im Hinspiel erst in der Schlussphase eingewechselt, in die Startformation rücken.

 

Wer muss das Land verlassen?

2100 Polizisten werden im Einsatz sein, dabei geht es vor allem aber darum, den Andrang mit gefälschten Eintrittskarten zu stoppen. Die Stadtbehörden verboten aus Sicherheitsgründen und Angst vor einer Welle der Gewalt beiden Anhängerschaften Siegesfeiern um den Obelisken, das Symbol von Buenos Aires im Stadtzentrum. Staatspräsident Mauricio Macri, von 1995 bis 2007 Präsident der Boca Juniors, hielt sich bedeckt. Wohl auch aus politischen Imagegründen. „Der Verlierer wird wohl 20 Jahre brauchen, um sich von dieser Niederlage zu erholen.“

70 Prozent aller Argentinier himmeln, quasi a priori, einen der beiden Klubs an. Beide sind im armen Hafenviertel aus der Taufe gehoben worden, in La Boca, neben einem stinkenden Zufluss zum Rio de la Plata. River Plate wurde 1901 gegründet, Boca Juniors 1905.

Auch Mauro Zárate, Bocas Stürmer, fand einen Ansatz, um die Bedeutung dieses Spiels zu erklären: „Wer verliert, muss das Land verlassen. Aber, was würden wir Boca-Fans denn dann ohne die von River machen?“ (fin)

EUROPAS WICHTIGSTE BZW. HITZIGSTE STADTDERBYS

Glasgow: „Old Firm“ zwischen Celtic und Rangers hat religiöse und politische Dimension, seit 1891 414-mal gespielt.
Es ist das älteste Derby Europas.

London: Neun Klubs drängen sich in der Themse-Metropole, das Duell zwischen Arsenal und Tottenham hat seit 1886 die größte Tradition.

 

Liverpool: Auch das Merseyside-Duell zwischen Liverpool und Everton bewegt England, seit 1894.

 

Wien: Das am zweithäufigsten gespielte Derby Europas (Rapid – Austria; gespielt seit 1911) versucht Grün-Weiß von Violett zu trennen und dabei lokale Ansprüche halbwegs zu klären.

 

Istanbul: Fenerbahçe – Galatasaray, seit 1911 ein „interkontinentales Derby“, Gala spielt im europäischen Stadtteil Beyoğlu, Fener im asiatischen Kadiköy.


Mailand: 1909 stieg das erste Derby zwischen AC und Inter. Beide spielen im gleichen Stadion – der Hit der Serie A.

Rom: Seit 1929 suchen im Derby della Capitale AS Roma und Lazio die wahre Nummer eins der ewigen Stadt.
Madrid: Das Derbi madrileño trennt den wohlhabenderen Norden (Real) und den Arbeiterklub Atlético (Süden); seit 1929.

Athen: Olympiakos Piräus und Panathinaikos – spielen diese Klubs (seit 1927) gegeneinander, ist es ein Polizeigroßeinsatz.

 

Belgrad: Partizan gegen Roter Stern; Krawalle und Nebelschwaden sind beim „ewigen Derby“ seit 1913 unvermeidlich.

 

Lissabon: Seit 1934, starke Rivalität und Nähe – die Stadien von Sporting und Benfica trennt nur ein Kilometer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2018)