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Rendi-Wagner hat keine Chance, aber die muss sie nutzen

Pamela Rendi-Wagner übernimmt wie einst Alfred Gusenbauer eine schwer gebeutelte SPÖ in Opposition. Sie wird es noch schwerer haben.

Was haben die CDU der frühen Nullerjahre, das Burgtheater vor Kurzem und die aktuelle SPÖ miteinander gemein? Wenn alles in Trümmern liegt, darf eine Frau übernehmen. Potenzielle Konkurrenten, also Herren mit Ambitionen, winken und warten lieber ab. Wenn die gröbsten Aufräumarbeiten erledigt sind, kann man vielleicht elegant das Ruder übernehmen.

So passiert, als Helmut Kohl fast sein Erbe mit einem Parteienfinanzierungsskandal verspielte und Angela Merkel übernehmen musste. Oder als in Wien bekannt wurde, dass im Burgtheater Bilanzen gefälscht wurden und Bargeld wie im Mittelalter verteilt worden war und Direktor Matthias Hartmann als Sündenbock an die Luft gesetzt wurde, musste Karin Bergmann aus der Pension zurück.

Am Samstag tritt Pamela Rendi-Wagner die Nachfolge des glücklosen Christian Kern an, der in einer Abschiedsrede sicher mit viel Gefühl und ein wenig Selbstkritik versuchen wird, die kürzeste Amtsdauer eines SPÖ-Chefs als heimliche Erfolgsära darzustellen. Natürlich hätte es auch andere Kandidaten für den SPÖ-Vorsitz als die parteipolitisch unerfahrene Rendi-Wagner gegeben, den burgenländischen Landeshauptmann und Innenminister der Herzen, Hans Peter Doskozil, oder den freundlichen Kärntner Landeshauptmann und Berufspapa, Peter Kaiser. Aber wie schon CDU-Männer vor 15 Jahren wussten: Wozu sich die Finger schmutzig machen, wenn es vorerst nichts zu gewinnen gibt? Und im konkreten Fall der SPÖ: Wer will sich noch vier, möglicherweise neun Jahre Oppositionsarbeit antun?

In allen drei Fällen, die sonst wenig miteinander gemein haben, war es die erste Frau, die die Nummer-eins-Position übernahm. In anderen SPÖ-Zeiten wäre das als großer Modernisierungsschritt gefeiert worden. Heute geht das fast unter – weil etwa der Chef der Tiroler Restl-SPÖ sich eine andere Politikerin lieber nicht „in der Horizontalen“ vorstellen will. (Die Frau war erkrankt.) Um im Sprachbild zu bleiben: Mit dem Alpen-Macho geht es wohl so oder so bald vertikal bergab.

Pamela Rendi-Wagner übernimmt also eine Art Konkursmasse, die aber mit guter Strategie, besserem Personal als zuletzt und Glück in wenigen Jahren zumindest theoretisch das Kanzleramt übernehmen könnte. Nur zur Erinnerung: Es war ein gewisser Alfred Gusenbauer, dem das unfassbare Kunststück (mit schmutzigen Tricks) gelang, ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel vom Thron zu stürzen, obwohl gerade bekannt geworden war, dass SPÖ-Granden und Gewerkschaft dabei waren, als die rote Bawag fast pleiteging. Realistischerweise und aus heutiger Sicht ist ein Wahlsieg Rendi-Wagners über Kurz utopische, unwahrscheinliche Zukunftsmusik.

Sie übernimmt eine zerstrittene und verunsicherte Partei, deren mehr oder weniger schwächelnde Landesgruppen Zentrifugalkräfte entwickeln wie einst ÖVP-Landesparteien. Intakt scheinen allein die Gewerkschaften, die wie bei der Bahn sogar gegen vergleichsweise harmlose Veränderungen wie die Ermöglichung eines Zwölf-Stunden-Tags alle Streikregister ziehen. Manch Gewerkschafter wird sich fragen, warum die SPÖ nicht gleich übernommen wurde.


Die neue Parteichefin wird ihrer Partei vor allem Mediation und Familienaufstellung bieten müssen. Sie muss nicht ganz uneitlen SPÖ-Landeshauptleuten Sonne lassen und ihnen mehr Respekt abringen. Sie muss in ihren Auftritten kantiger und inhaltlich konkreter werden. Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger macht das gut und ein wenig zu laut vor. (Die Lust, SPÖ-Wähler anzusprechen, spürt man deutlich.) Rendi-Wagner muss den schmalen Grat finden und gehen, der zwischen harter Oppositionspolitik und konstruktiver Sacharbeit verläuft. Und sie muss die SPÖ neu aufstellen, ihr eine inhaltliche Linie verpassen: Umverteilung oder Verteidigung des Wohlstands, mehr soziale Eigenverantwortung oder Solidarität bis zur Selbstaufgabe. Dann braucht sie einen Plan zur Rückkehr in die Regierung – mit einem Partner Kurz? Oder gar den anderen? Rendi-Wagner sollte sich jedenfalls einen Titel Herbert Achternbuschs zu Herzen nehmen: „Du hast keine Chance, aber nutze sie.“

 

E-Mails an: rainer.nowak@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2018)