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Autobosse im Zwielicht: Vom Benzin- zum Häfenbruder

John DeLorean 1982, da war die Zukunft seines Autos schon gefährdet – und nicht nur diese.
John DeLorean 1982, da war die Zukunft seines Autos schon gefährdet – und nicht nur diese.(c) imago/ZUMA Press (imago stock&people)
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Zuerst der Audi-Boss, jetzt sitzt der Chef von Renault-Nissan in U-Haft. Doch nichts reicht an den abenteuerlichen Fall des John DeLorean heran.

Der Abgasbetrug im Volkswagenkonzern hat schon mehrere Automanager in den USA und in Deutschland hinter Gitter gebracht, bislang prominentester Name: Rupert Stadler, 55, langjähriger, mittlerweile Ex-Chef von Audi. Er kam Ende Oktober nach einem halben Jahr in U-Haft frei, sein Prozess steht aus. Es könnte auch noch höhere Chargen des alten Managements treffen.

Vom aktuellen Aufenthaltsort des Carlos Ghosn, 64, Architekt der zeitweise als größter Autohersteller der Welt gehandelten Renault-Nissan-Allianz, ist indes bekannt, dass es dort „sauber, ordentlich und hygienisch“ zugehe, wenngleich es zu dieser Jahreszeit „frisch“ sei im Tokioter Untersuchungsgefängnis. Ghosn werden finanzielle Verfehlungen vorgeworfen, eine Anklage steht noch nicht. Hinter den Kulissen tobt bereits der Machtkampf in der Allianz – womöglich mit Ghosn als erstem Opfer.


Koks, FBI. Nur selten geraten Spitzenmanager der Autobranche ins Schlaglicht von Ermittlungen, die ins Gefängnis führen könnten. Doch ein Fall hatte alle Zutaten für einen deftigen Krimi: Regierungsgeld! Steuerfahnder! Koks! FBI!

Das Scheinwerferlicht mied der 1925 in der Autostadt Detroit geborene John DeLorean grundsätzlich ja nicht. Während seiner gesamten Laufbahn zeigte der talentierte Fahrzeugingenieur auch das Talent zum Showman, damit stieg er bis ins höchste Management des damals weltweit größten Autokonzerns General Motors auf. Begonnen hatte DeLorean bei Packard, als die Firma unterging (entweder an sich selbst gescheitert oder infolge eines Komplotts von Detroits Big Three), wechselte er zur GM-Marke Pontiac.

Innert weniger Jahre stieg er dort zum Geschäftsführer auf und hatte sich als Vater der Muscle-Car-Ikone GTO einen Namen gemacht. Pontiac war wieder angesagt. Noch steiler ging es bei der Nummer-eins-Marke Chevrolet aufwärts, der er ab 1969 vorstand. 1972 befand sich DeLorean im Vorzimmer der top dogs, am Sprung ganz hinauf.

Doch der Lebemann hatte bereits ein stattliches Sündenregister angehäuft. Privatreisen mit dem Firmenflieger, ein ausschweifender Lebensstil auf Kosten der Company, dann noch ein freches Mundwerk den Bossen gegenüber – das war die eine Sache. Doch als Kickback-Zahlungen von Lieferanten ruchbar wurden, musste DeLorean GM 1973 verlassen. Er durfte ohne den Ruch eines Skandals „freiwillig“ ausscheiden, und damit war er wohl günstig davongekommen.

Der visionäre Automanager hatte bereits frische Pläne in der Tasche – die eigene Autofirma sollte es werden, das Modell: ein revolutionäres Sportcoupé, langlebig und sicher, im Gegensatz zu den meisten GM-Modellen der Zeit. Für die Produktion wählte DeLorean Nordirland aus, nachdem er sich die komplette Finanzierung eines Werkes von der englischen Regierung gesichert hatte. Dieser war an Jobs in der Krisenregion gelegen. 1975 startete DMC, die DeLorean Motor Company.

Das Auto, der DMC-12, erlangte 1985 als einer der Hauptdarsteller im Kassenschlager „Zurück in die Zukunft“ Weltruhm und wurde zur Ikone. Aber da war es schon vorbei mit DMC. Das Unternehmen kollabierte im Oktober 1982, erst ein Jahr zuvor waren nach jahrelanger Verzögerung die ersten Autos vom Band gerollt. So vielversprechend das Konzept war, das fertige Auto verfehlte die Erwartungen des Marktes. Und der Firmengründer war inzwischen vom FBI verhaftet worden. Um Geld zur Rettung seines Unternehmens aufzutreiben, war DeLorean einen Kokain-Deal mit einem getarnten DEA-Agenten eingegangen.

Beim Prozess wurde er freigesprochen, auch die Veruntreuung von Staatsgeldern in Nordirland konnte man ihm nicht nachweisen. DeLorean starb 2005 in L.A.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2018)