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Der frische Wind auf dem Eis

In Japan ist Eisschnellläuferin Vanessa Herzog siegreich in die Saison gestartet
In Japan ist Eisschnellläuferin Vanessa Herzog siegreich in die Saison gestartetGetty Images
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In Japan ist Eisschnellläuferin Vanessa Herzog siegreich in die Saison gestartet. Olympia-Blech hat die 23-Jährige abgehakt, eine Medaille bei der „Heim“-WM in Inzell vor Augen.

Bei Vanessa Herzog wurden dieser Tage Kindheitserinnerungen wach – 9000 Kilometer entfernt von der Heimat. In Tomakomai, auf der nördlichsten der vier Hauptinseln Japans, steigt an diesem Wochenende der zweite Weltcupbewerb der Saison, der erste unter freiem Himmel seit zehn Jahren. Statt des in den Hallen typischen Kreiselwinds bekommen hier die Athleten luftige Brisen zu spüren. Für die 23-Jährige ein altbekanntes Gefühl, zog sie doch einst auf dem Innsbrucker Eisring ebenfalls im Freien ihre Runden. „Wenn die Sonne scheint, es knapp null Grad hat, ist es wunderschön, draußen zu fahren“, schwärmt sie. Für viele Kollegen aber, die den Sport ausschließlich in Hallen kennengelernt haben, ist der Kampf mit der Witterung eine große Herausforderung. Herzog hingegen hat sich trotz der Windanfälligkeit der 1967 eröffneten Anlage auf Anhieb wohlgefühlt: „Ich habe sofort ein gutes Timing gefunden. Das Wetter kann ich sowieso nicht beeinflussen.“

In Tomakomai setzte Herzog ihre Podestserie fort und musste sich in den beiden Rennen über 500 Meter wie schon vergangene Woche in Obihiro jeweils nur der Japanerin Nao Kodaira geschlagen geben. Auf den abschließenden 1000 Meter, die sie beim Auftakt mit Bahnrekord gewonnen hatte – ihr dritter Sieg im Weltcup –, wurde sie Dritte. „Ich habe gewusst, dass ich schnell bin, aber dass ich gleich so knapp an der Olympiasiegerin dran bin, hat mich doch überrascht“, berichtet Herzog.


Den Chinesen auf den Fersen. Die Verbesserung über den Sommer ist feinen Technikadaptionen zu verdanken: Einer tieferen Startposition und schnellerer Schrittfrequenz in den Kurven. An Ersterem hat Herzog im September bei einem zweiwöchigen Training mit dem chinesischen Sprintteam gefeilt, bei dem sich die Wahlkärntnerin an die Fersen des Olympiadritten Gao Tingyu heftete. „Die sitzen brutal tief. Das bringt mir total viel“, erklärt sie. Den Kontakt hat ihre ehemalige Trainerin Desly Hill hergestellt. Die jungen Chinesen sollen von der schnellen Österreicherin lernen, umgekehrt hat man die Konkurrenz für die Olympischen Spiele 2022 in Peking im Blick. Den oft zitierten chinesischen Drill hat Herzog, die mit Trainer-Ehemann Tom ein „DDR-Training“, so die scherzhafte Umschreibung ob Ausmaßes und Intensität, abspult, nicht erlebt. „Im Gegenteil, die sind zu spät gekommen oder haben etwas vergessen“, erzählt sie im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ und lacht. Für sie ist die Vorbereitung nach all den Jahren bereits Routine. Nervosität kommt keine mehr auf, dafür baut sich die Anspannung vor dem Rennen inzwischen wie von selbst auf. „Die brauche ich für ein gscheites Rennen.“

Zusätzliche Explosivität hat Herzog durch Leichtathletikeinheiten gewonnen, als Draufgabe trat sie für den LAC mit der 4x100-Meter-Staffel bei den Staatsmeisterschaften an und belegte den dritten Rang. „Sie waren happy, mir hat es geholfen. Eine Win-win-Situation“, sagt sie und hat die Erfahrung, wieder einmal im Team zu trainieren, genossen. Das im Frühjahr 2017 lancierte Segelabenteuer ist hingegen wortwörtlich auf Eis gelegt. „Es geht mir beim Eislaufen so gut, und es macht mir so viel Spaß. Das wollte ich nicht aufgeben“, erklärt Herzog, die sich mit der früheren 470er-Weltmeisterin Laura Vadlau aufs Wasser gewagt hatte. Ein Disziplinenwechsel hätte als olympische Medaillengewinnerin seinen Reiz gehabt, denn nur fünf Frauen weltweit haben das Kunststück geschafft, bei Winter- und Sommerspielen auf dem Podest zu stehen.

17 Hundertstel fehlten Herzog im Februar in Pyeongchang über 500 Meter auf die Bronzemedaille, es wäre die erste für Österreich im Eisschnelllauf seit 1994 gewesen, als die legendäre Emese Hunyady Gold und Silber gewann. Den Lauf im Gangneung Oval hat sie sich seither oft angeschaut, ihr Trainergatte studiert ihn nach wie vor fast täglich „und sucht, was der Fehler war, warum es sich nicht ausgegangen ist“. Ein paar Unterschiede im Vergleich zu heute hätten sie schon gefunden. Ob die aktuelle Vanessa Herzog auf das Podest gefahren wäre? „Ich würde sagen, schon.“ Aber über Vergangenes nachzudenken oder mit der schweren Grippe unmittelbar vor Olympia zu hadern ist nicht Sache der 23-Jährigen, wie sie betont: „Dieses ,Was wäre wenn‘, das bin ich nicht.“


Die Anerkennung wächst. Herzog ist vielmehr eine Rastlose, der Blick nach vorn gerichtet. So gönnte sie sich nach der starken Vorsaison, die neben Olympia einen Weltcupsieg, vier Podestplätze, den Gesamtsieg über 500 Meter sowie EM-Gold und -Silber brachte, gerade einmal zehn Tage Pause, bis es ins erste Trainingslager ging. Die Erfolge geben ihr recht und stoßen nicht nur bei der Konkurrenz, sondern auch in der Heimat auf Anerkennung. Bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres landete sie hinter Snowboarderin Anna Gasser, Leichtathletin Ivona Dadic und Skifahrerin Anna Veith auf Platz vier. Dank ihrer Ergebnisse erhält Herzog ab 2019 auch Spitzensportförderung. „Das ist extrem positiv für uns, macht vieles einfacher.“ Auch auf ein echtes Heimrennen darf Österreichs schnellste Eisläuferin hoffen: Der Verband überlegt, sich mit Innsbruck für 2020 um einen Weltcup bzw. die EM zu bewerben.

Nach den Rennen in Japan freut sich Herzog auf eine Woche auf dem heimischen Bauernhof mit den beiden Hausschweinen Kiwi und Haka. Nicht nur Ruhe und Idyll von Kärnten hat sie in Asien in der durchgetakteten Wettkampfroutine vermisst, sondern auch Schwarzbrot und Kaffee. „Wir haben unsere Kaffeemaschine mitgenommen, aber leider ist die Stromspannung hier zu gering“, berichtet sie. Nach dem Zwischenstopp geht es in Polen weiter, im Februar wartet das Highlight der WM in Inzell. Dort trainiert sie in Ermangelung einer Eishalle in Österreich seit gut 15 Jahren, der bayerische Ort ist eine zweite Heimat für sie geworden. „Das wird auf jeden Fall besonders. Wir haben einen ganzen Sektor für Familie und Freunde reserviert.“ Das Ziel ist klar: „Meine erste WM-Medaille, die Farbe ist mir wurscht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2018)