Arthur Arbesser: „Kill them with love“

Arthur Arbesser (hier im temporären Wiener Pop-up-Store) will früher oder später einen eigenen Shop aufmachen. Ob in Wien oder Mailand, ist noch offen.
Arthur Arbesser (hier im temporären Wiener Pop-up-Store) will früher oder später einen eigenen Shop aufmachen. Ob in Wien oder Mailand, ist noch offen.Cornelia Frank

Arthur Arbesser gilt als einer der spannendsten Designer in Mailand - und als besonders unkompliziert. Der Vielarbeiter sorgt sich jedoch um den Stil seiner Generation: So cool wie die Alten von heute würden die Senioren von morgen nämlich nicht mehr sein.

In nahezu keinem Porträt über Sie fehlt der Hinweis, dass Sie so nett sind. Können Sie eigentlich auch unfreundlich sein?

Arthur Arbesser: Das kommt auf das Gegenüber an, aber es ist nicht Teil meiner Natur. Ich habe in London als Student als Kellner gearbeitet und – auch wenn es cheesy klingt – ich habe damals gemerkt: Was du aussendest, kommt zu dir retour. Ich war bei den schrecklichsten Weihnachtsfeiern irrsinnig nett zu allen Leuten, und plötzlich waren alle genauso nett zu mir. Ich lebe mit dieser Philosophie sehr gut. Tatsächlich finde ich es anstrengender, unfreundlich zu sein.

Braucht man in der Modebranche nicht manchmal spitze Ellbogen, um sich durchzusetzen?

Wahrscheinlich hätte ich weiter kommen und finanziell erfolgreicher werden können, wäre ich manchmal härter und aggressiver gewesen. Aber mir sind mein Wohlbefinden und das meiner Umgebung extrem wichtig. Darum muss im Studio in Mailand immer gute Stimmung sein. Das bedeutet nicht, dass wir ständig lachen müssen. Aber Mode hat etwas mit Leichtigkeit zu tun, und das muss sich widerspiegeln.

Hält die gute Laune auch, wenn eine Show näherrückt und eine Firma nicht liefert?

Ja. Wir hatten den Fall, dass die Schuhfabrik die Schuhe am Tag vor der Show noch immer nicht geliefert hat. Da ist man mit den Nerven am Ende, aber ich habe gelernt: Wenn du Leute am Telefon anbrüllst, kommen die Schuhe nicht schneller zu dir. Aber wenn du nett bist und via SMS Herzchen schickst: Kill them with love! In der Mode ist alles auf Beziehungen zu Menschen aufgebaut. Mailand ist ein kleiner Kosmos. Man trifft sich immer wieder, der nächste Stofffabrikant ist sicher der Cousin von irgendjemandem.

Und wo kommt Ihre schlechte Laune hin?

Ich glaube, die esse ich in mich hinein. Oder sie wandert direkt in die Bandscheiben. Aber Freunde helfen natürlich, Frust loszuwerden und spätabends darüber zu lachen. Und so ernst ich die Arbeit nehme – wir operieren nicht am offenen Herzen.

Ihr Partner ist Arzt. Erdet das?

Sicher, er arbeitet mit Leukämiepatienten. Wenn ich gefrustet nach Hause komme, bringt er mich auf den Boden zurück.

Sie machen sehr viele verschiedene Sachen. Läuft man da nicht Gefahr auszurinnen?

Ja. Ich muss lernen, Nein zu sagen. Insofern ist es auch eine Schwäche, dass es mir so wichtig ist, dass mein Gegenüber glücklich ist, weil ich zu den meisten Projekten Ja sage, auch wenn die Arbeit dann Sonntagnacht passiert. Aber manches ergänzt sich auch harmonisch. Die Arbeit für „Fay“ ist beispielsweise so komplett anders strukturiert als die Arbeit für meine eigene Marke. Die ist mein Ventil, wo ich mich entfalten kann. Ich denke, es ist für Kreative auch wichtig, immer wieder ganz andere Dinge zu machen: eine Verpackung zu designen oder einen Teppich. Das erweitert den Horizont.

Wie wichtig ist Instagram für Ihre Arbeit?

Als Unternehmer ist es super. Du kannst deine Geschichte in deiner Art und Weise in die Welt bringen, und zwar kostenlos. Ich habe dadurch viele Kontakte geknüpft. Aber es ist auch ein Zeitfresser, und es macht neidisch: Du siehst immer jüngere Designer, die mehr Follower, mehr Erfolg haben. Denn natürlich postet keiner über seinen Kontoauszug oder über das Packerl, das seit einem Monat im Zoll hängt. Aber je älter ich werde, desto weniger muss ich mich vergleichen. Ich bin zufriedener mit mir geworden. Ein angenehmer Zustand.

Hat eigentlich geschriebene Modekritik in Instagram-Zeiten noch ihre Berechtigung?

Ja, wenn Journalisten eine Meinung haben. Sie muss nicht richtig sein, aber interessant zu lesen. Sinnlos ist es, in Worte zu packen, was man ohnehin online sehen kann.

Sie arbeiten in Mailand. Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen die jungen Wilden im Stadtbild fehlen. Haben Sie sie gefunden?

Die Italiener sind, was Trends betrifft, Herdentiere. Für mich war das ein Schock, weil ich vorher in London an der Saint Martins studiert habe. Dort wurde nicht nur unterstützt, sondern erwartet, dass man individuell ist. Wenn du am Montag mit einem Vintage-Hochzeitskleid auf die Uni gekommen bist, war das gut. Man wurde fast schon übertrieben angeleitet, anders zu sein. Als ich 2005 nach Mailand kam, waren alle so adrett, die Männer hatten einen guten Haarschnitt, gezupfte Augenbrauen und diesen Capri Glow. Alle waren gleich. Und ich habe mich gefragt, wo die sind, die anecken wollen – ich habe sie bis jetzt nicht entdeckt. Außer unter den Älteren, die eine Art Friedenszustand mit sich gefunden haben und flamboyant sein wollen: mit Schmuck, Brille, Hut, so Anna-Piaggi-mäßig. Wenn ich die sehe, habe ich echt Sorge um unsere Generation. Denn wir werden in 30 oder 40 Jahren hundertprozentig nicht mehr so cool und stilvoll ausschauen wie diese alten Leute von heute in Mailand.

Wir wären dann eher Generation Funktionskleidung und Jogginghosen, oder?

Die Wegwerf-Komfort-Generation.

Tragen Sie Jogginghosen?

Ich bin nicht begeistert, aber ich finde, zu Hause geht's. Aber man darf eh nie mich anschauen und dann auf meine Mode schließen. Ich bin nur mehr Beobachter. Je älter ich werde, desto uneitler werde ich. Als Modestudent habe ich mich über Kleidung ausgedrückt, inzwischen interessieren mich die anderen mehr als ich mich selbst. Das hat zur Folge, dass ich mehr Pilates und Yoga machen müsste. Aber momentan reicht es, gewaschen zu sein.

Apropos modische Stadtbilder: Wie finden Sie denn Wien? Auch langweilig?

Nein, die Leute überlegen sich etwas. Es gibt viel individuellen Stil, ich finde es nur nicht wahnsinnig schön.

Inwiefern?

Sagen wir so: Komfort ist wichtig, das geht auf Kosten der Ästhetik.

Machen Sie sich – Stichwort: Herdentrieb – ab und zu Sorgen um die jungen Designer? Sie unterrichten ja auch.

Schon. Die Mode hat sich verändert. Man hat teilweise das Gefühl, dass ihr die Ideen ausgehen, gleichzeitig hat sich das Konsumverhalten gewandelt – es fokussiert sich extrem auf einige Marken. Wie etwa Gucci. Wenn ich also merke, dass die Kollektion eines Studenten so „Klein Gucci“ wird, dann sage ich ihm: Sei deine eigene Marke.

In einem Text für „Die Presse am Sonntag“ über Mailand haben Sie – damals war gerade Bundespräsidentenwahl – geschrieben, dass man als Österreicher oft auf die Politik angesprochen wird. Ist das noch so?

Nein. Die Italiener haben mit der eigenen Politik genug zu zu tun: Salvini & Co. Wobei ich Cinque Stelle (Anm.: Fünf-Sterne-Bewegung) am ärgsten finde, echt mies. Salvinis Position widerstrebt mir zwar zutiefst, aber er hat zumindest eine. Cinque Stelle dagegen sind so wässrig, da ist einfach nichts. Apropos die Italiener als Herdentiere: Dass Millionen nur dieser heißen Luft folgen, finde ich traurig. Aber bei den Italienern hat sich eine breite Schicht jahrelang nicht für Politik interessiert, es herrschte die Einstellung: Alles korrupt, aber mir egal. Das ändert sich jetzt. Ich habe das Gefühl, die Leute in meinem Freundeskreis wachen auf.

Sie kommen aus einem klassisch bürgerlichen Wiener Elternhaus. Sind Sie ein bürgerlicher Mensch?

Was heißt das eigentlich genau?

Was heißt es denn für Sie?

Also das Wort „bürgerlich“ beengt mich. Da möchte man am liebsten sofort das Fenster aufmachen und frische Luft reinlassen. Aber ich schätze gewisse Werte und Traditionen: gemeinsam als Familie am Tisch zu sitzen, Feste feiern. Das finde ich absolut schön. Ich bin auch dankbar für so bildungsbürgerliche Werte wie Lernen und Lesen.

In der Schule waren Sie . . .

. . . im Schottengymnasium.

Mehr bürgerlich geht fast nicht.

Und mehr konservativ auch nicht. Es war eine reine Bubenschule. Und rebellieren war sehr einfach. Damals bin ich, nachdem ich das „Fünfte Element“ im Kino gesehen habe, mit einem Foto von Milla Jovovich in den Hietzinger Friseursalon gegangen und habe mir zwischen den alten Damen die Haare orange färben lassen. Am nächsten Tag wurde ich zum Direktor vorgeladen – die Haarfarbe musste entfernt werden. Was verrückt ist, denn eine harmlosere Aktion als Haarefärben gibt es für einen zwölfjährigen Teenager fast nicht.

Outstanding artist award

Am Abend des 27. November werden in Wien die Austrian Fashion Awards vergeben: In diesem Rahmen wird man auch bekannt geben, dass Arthur Arbesser heuer den zum dritten Mal vergebenen Outstanding Artist Award für experimentelles Modedesign durch das Bundeskanzleramt erhalten wird. Ein Festakt findet am 29. November statt.

Steckbrief

Arthur Arbesser (35) wuchs in Wien auf und ging zum Studium nach London - er besuchte die Central-Saint-Martins-Kunstuniversität.

2005, nach seinem Abschluss, beginnt er als Designer bei Armani.

2013
präsentiert er erstmals sein eigenes Label bei der Modewoche in Mailand.

2015 wird er Kreativdirektor der Modemarke Iceberg.

Seit 2017 ist er Chefdesigner der Modemarke Fay (Tod's Gruppe) – und entwirft erstmals auch für Männer.

Arbesser geht regelmäßig Kooperationen ein: Er kreierte Brillen für Silhouette, kooperierte mit Absolut Vodka. Zuletzt revitalisierte er für den Stoffproduzenten Backhausen Entwürfe von Koloman Moser. Er war auch unter den Finalisten des wichtigen LVMH-Modepreises.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2018)