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David Whitehouse: Der zarte Duft der Todesblume

(c) Klett
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Autor David Whitehouse erzählt in „Der Blumensammler“ nicht nur von der Jagd nach botanischen Raritäten. Vielmehr geht es um die verschlungenen Wege des Lebens und der Liebe.

In Peter Manyweathers' einsamem Leben als Reinigungskraft ändert sich an jenem Tag alles, als er in einer Leihbücherei in Brooklyn eine verstaubte Enzyklopädie über Blumen aus dem Regal zieht: Ein alter, handgeschriebener Brief segelt ihm entgegen. In akkuraten Tintenstrichen hat der unbekannte Schreiber eine Liste an seltenen Blumen notiert, deren Schönheit er als Symbol für die Liebe zu einer Peter ebenso unbekannten Frau sieht.

Die Liste enthält sechs Pflanzen: die Gibraltar-Lichtnelke, die schafsfressende Pflanze, die Kadapul-Blume, das lebende Fossil, die Udumbara-Blume und die Todesblume. Von diesen botanischen Raritäten ist Peter Manyweathers derart besessen, dass er beginnt, quer um den Globus zu reisen, um jede einzelne Pflanze todesmutig zu suchen und anzusehen. Der Einzelgänger taucht immer mehr in eine für ihn neue Welt ein, trifft andere Blumenbesessene – und beginnt so ein neues Leben.

Die Geschichte von Peter Manyweathers bildet das Rückgrat des Romans. Rund um seine Entdeckungsreisen entfalten sich noch zwei weitere Erzählstränge, die letzten Endes verknüpft werden. Die Lebensgeschichten aller drei Personen sind miteinander verwoben, keiner kann ohne den anderen existieren, auch wenn die Beteiligten das (noch) nicht wissen.

Erzählstrang Nummer zwei: Dove Gale. Dove ist ein einsamer junger Mann. Er arbeitet im Callcenter einer Notrufzentrale. Jene Menschen, die aufgeregt den Notruf wählen und von Unfällen und Notfällen erzählen, sind oft die einzigen, mit denen er den ganzen Tag lang Kontakt hat. Dove kennt seine Eltern nicht, sein Leben lang ist er auf der Suche nach seinen Wurzeln. Obwohl er liebevolle Pflegeeltern hat, hat er trotzdem immer das Gefühl, nicht ganz zu sein. Etwas Wichtiges fehlt in seinem Leben, ein Platz bleibt leer.

Dove wird von schrecklichen Migräneanfällen geplagt, während dieser er scheinbar in die Erinnerung eines anderen abgleitet. Warum weiß Dove so viel über das Leben von Peter Manyweathers? Warum kennt er Pflanzenraritäten, von denen sonst nur die kleine Welt der Blumensammler eine Ahnung hat? Dove ist fasziniert von diesen Puzzleteilchen an Erinnerungen, die sich nach und nach zu einem großen Ganzen zusammensetzen.

Und Erzählstrang Nummer drei gehört Professor Cole: Er überlebt eine Tiefseeexpedition nur deshalb, weil ein Wal sein U-Boot rammt und in dessen Bauch die Blackbox des seit 30 Jahren verschollenen Flugs PS570 gefunden wird. Was hat der schrullige Professor mit einem jungen Callcenter-Mitarbeiter aus London und einem Putzmann fürs Grobe aus New York zu tun? Keine Sorge, alles löst sich auf, keine Fragen bleiben offen.

Skurrile Außenseiter. Der Londoner Autor David Whitehouse wurde in den angelsächsischen Feuilletons als die Entdeckung der Literaturszene gefeiert. Er schreibt regelmäßig für die großen britischen Zeitungen. „Der Blumensammler“ (im Original: „The Long Forgotten“) ist sein drittes Buch. Zweieinhalb Jahre hat der 37-Jährige an seinem Roman über die Suche nach Identität und Liebe gearbeitet. Geschickt aufgebaut, wird die Geschichte vom Blumensammler nie langweilig – die Fortsetzung von Peters floralen Abenteuern kann man kaum erwarten.

Fabulieren kann Whitehouse – wie in jener Passage, in der Peter Manyweathers endlich die prachtvolle Blüte der schafsfressenden Pflanze entdeckt. Seine Obsession wird Manyweathers zum Verhängnis: Er verfängt sich in den messerscharfen Blättern der mächtigen Pflanze und kann sich selbst nicht mehr befreien. So wie jenes Schaf, das er retten wollte, scheint nun er dazu verdammt, die Puya chilensis mit seinem verwesenden Körper zu ernähren.

Skurrile Außenseiter, denen Seltsames zustößt. Die Übertragung von Erinnerung durch Migräneattacken mag seltsam anmuten, dieser Kunstkniff funktioniert für den „Blumensammler“ aber und erlaubt dem Leser, zwischen Kontinenten und Zeiten zu springen. Mit der Gewissheit, dass am Ende vieles, wenn auch nicht alles, gut wird.

Neu Erschienen

David Whitehouse,
„Der Blumensammler“,
übersetzt von
Dorothee Merkel,
Tropen-Verlag,
364 Seiten,
20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2018)