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"Magisches Denken": Der mentale Zauberstab

Gedanken können Ereignisse beeinflussen: Dieser Glaube ist tief im Menschen verankert, zeigen US-Studien anhand von Alltagssituationen.

Wir wünschen jemandem, der uns gekränkt hat, in einem bösen Moment alles erdenkliche Böse - und siehe da, er erkrankt bald darauf. Wir hoffen ganz fest auf etwas Unwahrscheinliches, und siehe da, es trifft wirklich ein. Wer ertappt sich da nicht einmal beim verschämten Gefühl, er oder sie habe irgendwie Anteil an diesem Ereignis? Forscher der Princeton und der Harvard University haben nun in mehreren Studien gezeigt, dass der Glaube daran selbst in rationalen, naturwissenschaftlich geschulten Menschen verankert ist, und dass er in den alltäglichsten Situationen wirksam wird.

"Magisches Denken" nennt man es, wenn Leute dazu neigen, sich selbst als mentale Mitverursacher von Ereignissen zu sehen. Die Untersuchungen der vier Psychologen (vorgestellt im Journal of Personality and Social Psychology, 91/2, S. 218) versuchten nachzuvollziehen, wie dieser Glaube entsteht. Die Testpersonen: High-School- und College-Schüler. In einer der Studien (mit dem launigen Titel "Der Voodoo-Fluch des Hexenmeisters") wurden 36 Testpersonen als "Hexer" eingesetzt. "Opfer" war jeweils ein Kollege. In der anfänglichen persönlichen Begegnung verhielt sich das "Opfer" entweder neutral oder beleidigend. Danach wurden die "Hexer" aufgefordert, Pfeile in eine Voodoo-Puppe zu stecken, die das jeweilige "Opfer" repräsentierten - das dann (wie mit den Studienleitern abgesprochen) über Kopfweh klagte.

Die anschließenden Gespräche mit den "Hexern" ergaben ein klares Ergebnis: Jene Testpersonen, die vorher beleidigt worden waren und in der Folge schlecht über ihr "Opfer" gedacht hatten, fühlten sich eher verantwortlich für dessen Kopfweh als jene, die "neutrale Opfer" gehabt hatten.

In einer zweiten Studie (Harvard) mussten 102 Testpersonen bei einem Basketball-Wurfspiel zuschauen. Um den Anschein von Schwierigkeit zu erhöhen, wurde dem jeweiligen Schützen eine Augenbinde umgebunden, die in Wahrheit transparent war. Die Testpersonen wurden dann dazu aufgefordert, sich vor dem Wurf bestimmte Inhalte visuell vorzustellen. Jene, die sich den Erfolg des Schützen vor Augen führen mussten, fühlten sich, wenn der Schütze dann traf, eher verantwortlich für den Ausgang als jene, die keine positiven Vorstellungen entwickelt hatten. Ein Teil der Testpersonen wurde außerdem den "Zuschauern" als "Zeugen" zugesellt. Sie waren über die Visualisierungen, mit denen die "Zuschauer" beauftragt wurden, informiert. Auch diese "Zeugen", ergab die Studie, glaubten danach, dass die Gedanken des Zuschauers den Ausgang beeinflusst hätten.

Bekanntlich neigen ja Menschen dazu, die Verantwortung für positive Ereignisse lieber zu übernehmen als für negative. Angenommen also, nicht etwas stark Erhofftes, sondern etwas stark Befürchtetes tritt ein - macht das einen Unterschied für den Glauben, das Ereignis mental beeinflusst zu haben? Nein, ergab eine weitere Princeton-Studie. Dabei sahen die Testpersonen der TV-Übertragung eines Football-Spiels zu. Wieder war das Gefühl, den Spielausgang mitverursacht zu haben, desto größer, je mehr die Betreffenden vorher an dieses Ergebnis gedacht hatten. Ob das Team nun aber gewonnen oder verloren hatte, spielte dabei keine Rolle.

Das beobachtete Muster war immer dasselbe: Ähneln sich Gedanken und unmittelbar darauf eintretende Ereignisse, neigen Menschen dazu, einen kausalen Zusammenhang abzuleiten. Ein simpler mentaler Kurzschluss? Selbst wenn das so wäre, wäre dieser "Irrtum" nicht nutzlos, betonen die Wissenschaftler. Magisches Denken taucht vor allem unter Stress und Überforderung auf, haben frühere Studien gezeigt. Auch der Harvard-Psychologe Daniel Wegner betonte in der "New York Times" die psychische Schutzfunktion: Magisches Denken sei ein "Gegengift" bei Unsicherheit und mangelndem Selbstvertrauen, weil es die eigenen Kontrollmöglichkeiten und den eigenen Einfluss aufwerte.

Der Umstand, dass magisches Denken in allen Gesellschaften und Epochen zu beobachten ist, lässt viele vermuten, dass es sich um einen dem Menschen "angeborenen" Mechanismus handelt. Auch die Neurowissenschaften unterstützen diese These. Das menschliche Gehirn habe "Netzwerke", die unter entsprechenden Umständen speziell für "magische" Erklärungen zuständig sind, sagte der US-Psychologe Pascal Boyer der "New York Times".