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Arbeitsmarkt: Das bringt die neue Rot-Weiß-Rot-Karte

Der Koch steht seit Monaten im Zentrum der Debatte um ausländische Fachkräfte.
Der Koch steht seit Monaten im Zentrum der Debatte um ausländische Fachkräfte.(c) Reuters (Robert Pratta)
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Gewerkschaft und SPÖ befürchten durch den Regierungsplan für ausländische Arbeitskräfte „Lohndumping“. Schon jetzt gehen bis zu 80 Prozent der neuen Jobs an Ausländer.

Wien. Quer durch alle Altersstufen, Bundesländer, Branchen und Ausbildungsniveaus sinken die Arbeitslosenzahlen: Im November ist die Arbeitslosigkeit wieder um 6,9 Prozent im Vergleich zum Oktober zurückgegangen. Damit setzt sich der positive Trend der vergangenen Monate fort. Es gibt aber immer noch 376.636 Menschen ohne Job. Gleichzeitig beklagen die Unternehmen einen Fachkräftemangel, der zunehmend an die Substanz geht. Die Reform der Mangelberufsliste und der Rot-Weiß-Rot-Karte („Die Presse“ berichtete) soll Abhilfe schaffen. Die wichtigsten Punkte im Überblick.

1 In welchen Jobs dürfen mehr Ausländer beschäftigt werden?

Die Mangelberufsliste, über die Fachkräfte aus Drittstaaten nach Österreich kommen, wird von 27 auf 45 Berufe ausgeweitet. Neu sind unter anderem: Pflasterer, Datentechniker, Schwachstromtechniker, Lackierer, Holzmaschinenarbeiter, Bodenleger, Bauspengler und Augenoptiker. Und auch der Koch, der seit Monaten im Zentrum der Debatte um ausländische Fachkräfte steht.

2 Wie viele Ausländer werden durch die Reform kommen?

Das lasse sich noch nicht abschätzen, heißt es aus dem Büro von Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. Denn nur weil die Regierung mehr Zuzug erlaubt, heißt das noch nicht, dass die Unternehmen auch genug Personal im Ausland finden. Bisher kamen pro Jahr rund 2000 Fachkräfte aus Drittstaaten mit der Rot-Weiß-Rot-Karte nach Österreich. Künftig sollen es „deutlich mehr“ sein.

3 Welche Branchen profitieren am stärksten von der Änderung?

Spricht man von Fachkräftemangel, ist man schnell bei der raren Spezies Koch. Hoteliers und Gastronomen fassten unter der türkis-blauen Regierung Mut zu fordern, was ihnen SPÖ-Sozialminister Alois Stöger bis ins Vorjahr abgeschlagen hatte: leichteren Zugang für Köche und Kellner aus Drittstaaten. Ihr Wunsch dürfte in Erfüllung gehen. Mitten in der laufenden Wintersaison sollen sie mit 1. Jänner auf die Mangelberufsliste wandern, der Koch sogar bundesweit. „Es wird nicht die große Masse kommen“, sagt Tourismusobfrau Petra-Nocker Schwarzenbacher. Sie rechnet mit „ein paar Hundert Köchen“ aus Drittstaaten wie der Ukraine, die einen Teil der mit Ende November 8500 offenen Tourismusjobs besetzen sollen.

4 Warum braucht es diese Reform für Köche und Kellner?

Die Arbeitgeber betonen, der Tourismus sei eine Wachstumsbranche, die mit österreichischen Mitarbeitern allein nicht auskommt. Seit 2009 habe man 40.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. „Es werden keine Billigkräfte importiert“, sagt Nocker-Schwarzenbacher. Laut Regierungsvorschlag werden die Gehaltsuntergrenzen für junge Arbeitnehmer um rund 500 Euro auf 2052 Euro brutto gesenkt. „Es wäre auch mit dem bisherigen Mindestgehalt gegangen.“

5 Was sagen die Kritiker zum Regierungsvorschlag?

Die Gewerkschaft ist erbost. Bei den Gesprächen im FPÖ-geführten Sozialministerium sei man unberücksichtigt geblieben. Wohl weil der Standpunkt von Arbeitnehmervertretern wie Vida-Tourismuschef Bernd Tusch klar war: Österreichs Hoteliers holten sich „Lohndrücker aus Krisenländern“, statt für die Arbeitnehmer im eigenen Land attraktiver zu werden. Dabei gehe es ihnen nicht nur um Fach-, sondern um billige Hilfskräfte, sagt Tusch und nennt AMS-Zahlen: Auf dem Gipfel der Wintersaison im Jänner seien 5000 Menschen aus Hotellerie und Gastronomie in Tirol, Salzburg und Vorarlberg arbeitslos gewesen. „Das Potenzial ist da, das Angebot an sie ist aber schlecht. Die Mangelberufsliste wird dieses Problem langfristig nicht lösen.“ Auch die SPÖ fürchtet eine Senkung des Lohnniveaus und fordert stattdessen „gerechtere Löhne“. Die Neos begrüßen den Regierungsplan, vor allem die Regionalisierung der Mangelberufsliste.

6 Wie viele Ausländer arbeiten jetzt schon in Österreich?

Viele Branchen in der österreichischen Wirtschaft würden ohne Ausländer nicht auskommen. In den vergangenen Jahren gingen rund 80 Prozent der neuen Stellen an Nichtösterreicher. 2019 werden laut einer Prognose des AMS fast 800.000 Menschen ohne ausländischen Pass in Österreich arbeiten, ein großer Teil sind Osteuropäer. Die Bevölkerung schrumpft, und für viele Jobs finden sich keine Österreicher. Auf dem Bau, in der Arbeitskräfteüberlassung und in der Industrie ist der Ausländeranteil besonders hoch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2018)