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Informelle Weiterbildung: Kirche, Kant und Kopftuch

Informelle Weiterbildung Kirche Kant
(c) APA (Barbara Gindl)
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Öffentliche Vorlesungen und Vorträge haben in Wien lange Tradition, die Themen sind breit gestreut. Ein aktueller Überblick.

Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann – frei nach Picabias Metapher vom lernfähigen Menschen haben öffentliche Vorlesungen und Seminarreihen auch in Wien Tradition.

Doch sind Einblicke in unbekannte Themen mit Chancen auf Horizonterweiterung und Aha-Erlebnisse noch zeitgemäß? Sind nicht Studium und Titel Gebot der Stunde? Oder – Denkrichtungswechsel – reicht fürs Informelle nicht auch ein Blick ins Internet?

 

Media Brain

„Mehr denn je“, meint Sozialhistoriker Univ.-Prof. Christian Ehalt, Mastermind der Wiener Vorlesungen, sei ein spannendes Weiterbildungsangebot wichtig für neugierige Menschen. „Das Internet leistet keine Strukturierungs- und Bewertungsarbeit. Wir fungieren als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, als Übersetzer zwischen Experten und Laien“, so der Wissenschaftsreferent. „Diese Übersetzungstätigkeit ist aber auch eine Arbeit der Kritik. Es gilt, Wissen und Wissenschaft gleichermaßen kritisch, neugierig, ermunternd auf die Finger zu schauen.“ Für die Besucher bedeutet das wöchentliche Vorlesungen aus allen erdenklichen Bereichen – von Quantenphysik bis Bezirksgeschichte – seit 23 Jahren.

In Kürze steht das Thema „Media Brain – Verändern neue Medien und Technologien unser Gehirn?“ als Podiumsdiskussion mit dem Autor Frank Schirrmacher, Christa Sommer, Wolfgang Bergmann und anderen auf dem Programm – daneben geht Kurt Imhof dem Wandel der medialen Wissensvermittlung in der Moderne nach.

Strafrechtsreformer Udo Jesionek spricht über Jugendkriminalität, Prävention und Strategien. Auch der großen Krise wird Aufmerksamkeit geschenkt, der Ökonom Stephan Schulmeister spricht über einen „New Deal“ für Europa. Nicht nur für Leute aus Management und Finanzbranche eine Anregung, die Krise aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Wissen zu vermitteln, damit es wirksam werden kann – das ist auch bei den Wiener Volkshochschulen Tradition. Ganz aktuell nimmt die VHS Wien West die Seminarreihe „Islam in Wien“ in Angriff – bis Juni gibt es regelmäßig Vorträge und Veranstaltungen zum Thema.

 

Islamophobie & Orientalistik

Neben Kalligrafie und theologischen Grundlagen geht es ganz direkt um „Feindbild Islam und Europa“, „Islamophobie und Orientalismus in Medien, Literatur, Schulbüchern und Parteipolitik“ oder den „Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten“. „Das Wissen über den Islam ist dürftig und besteht leider aus vielen Halbwahrheiten“, so VHS-Geschäftsführer Mario Rieder zum Programm. Dass die Reihe vor dem Wiener Wahlkampf startet, ist dabei kein Zufall. „Wann, wenn nicht jetzt“, so das Credo, „es darf ja angenommen werden, dass der Ton im Wahlkampf nicht sachlicher werden wird.“ Schon jetzt wurde die Reihe in diversen Zeitungen negativ kommentiert – von Lesern, die den Muslimen und den VHS nahelegen, sich lieber mit österreichischer Gesellschaft, Recht und Benimm zu befassen. „Auch das haben wir im Angebot“, so Rieder. „Es gilt generell: Wer informiert ist, ist klar im Vorteil“.

Kooperationspartner ist das Wiener Islamische Institut für Erwachsenenbildung (WIIEB), das die Anliegen und das Know-how von Migranten einbringt. Zielgruppen sind dabei neugierige Österreicher sowie Migranten. „Im ersten Schritt wollen wir Informationen bieten. Im zweiten soll die Reihe auch ein Rahmen sein für sachliche Diskussionen, für die Vermischung der beiden Zielgruppen.“ Angedacht ist zudem der Ausbau der Reihe zu einem fixen Programm.

Als Vorbild könnte die VHS-Reihe „University goes Public“ gelten. In Kooperation mit Wiener Universitäten (Uni Wien, BOKU, Medizinische und Technische Universität) bietet die VHS-Reihe „University goes Public“ seit Jahren Vorträge von Universitätslehrenden an den VHS an. Die Palette reicht von Quantenphysik – „Reise in ein schwarzes Loch“, bis zu „Konfuzius, Feng Shui und Globalisierung: Vom Wandel unseres China-Bildes“.

 

Weltethos und Unbewusstes

Auch andere Universitäten laden zwischenzeitlich zu öffentlichen Vorträgen – etwa die WU zu Wirtschaftsethik oder Finanzthemen. Derzeit läuft an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien Paris in Kooperation mit der Initiative Weltethos Österreich die Reihe „Weltethos und das Unbewusste“. Gäste sind dabei ausdrücklich willkommen. Wie bei den Wiener Vorlesungen – dort lasen unter 3000 anderen auch Michail Gorbatschow, Marie Jahoda, Valie Export, Ernst Gombrich oder Ulrich Beck – stehen auch hier keine ganz Unbekannten am Podium: Anton Pelinka referiert über Bewusstes und Unbewusstes in der Politik am Beispiel des Wahlverhaltens, Rotraud Perner spricht über „Unbewusst - Höchste Lust? Versuch über Sexualität“. Weitere Titel bis 22. Juni: „Weltethos und Gender“, „Wer sagt, was richtig ist“ oder „Über die Evolution von Moral“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2010)