„Muslime keine Bürger zweiter Klasse“

Ümit Vural, neuer Präsident der IGGÖ.
Ümit Vural, neuer Präsident der IGGÖ.(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Ümit Vural, der neue Präsident der IGGÖ, will Aufklärung statt Kopftuchverbot.

Wien. Er ist kein Theologe. „Ich habe auch nicht für die Funktion des Mufti kandidiert“, sagt Ümit Vural, der neu gewählte Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ). Daher werde er sich auch – im Gegensatz zu seinem Vorgänger, Ibrahim Olgun, einem Theologen – nicht religiös äußern. Politisch dafür sehr wohl, nämlich dann, wenn es um Anliegen der Muslime gehe.

Vor allem die Einigkeit der Muslime sei ihm ein Anliegen, sagt er am Montag bei seinem ersten Medienauftritt nach seiner Wahl. Es müssten wieder „klare Verhältnisse“ in der IGGÖ hergestellt werden, man müsse aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und das Vertrauen der Muslime wieder gewinnen. Dazu passt auch einer der ersten Schwerpunkte, die er in seinem Amt setzen möchte – der Kampf gegen antimuslimischen Rassismus. Vural spricht etwa von muslimischen Frauen, die Angst davor hätten, in die Straßenbahn einzusteigen. „Wir kennen die Folgen, die Auswirkungen – wir sind die Opfer von Rassismus“, meint er. Gleichzeitig will er aber auch gegen Extremismus in den eigenen Reihen vorgehen. Dass Jugendliche dafür empfänglich seien, führt er aber auch auf Diskriminierungserfahrungen zurück – „das führt zu Frustration und Perspektivlosigkeit“. Sein Rezept dagegen: den Jugendlichen Hoffnung geben.

Beim Thema Kopftuchverbot wird Vural sogar ein wenig emotional: „Niemand kann erklären, dass Verbote von Kleidungsstücken in einer offenen und liberalen Demokratie würdig sind.“ Das Tragen des Kopftuchs sei eine höchst intime und Gewissensentscheidung. Verbote seien da destruktiv – auch bei Kindern. Wiewohl bei denen andere Voraussetzungen gelten müssten. „Es geht darum, dass die Entscheidung eine bewusste ist – von Kindern kann man das nicht erwarten.“ Eine Lösung sieht er aber vor allem in Aufklärung und Gesprächen mit den Eltern. Ob man das Kopftuchverbot für Kinder rechtlich bekämpfen wird, lässt er vorerst offen. „Das werde ich mir ganz genau anschauen, und wir werden nüchtern darüber entscheiden.“

 

Setzen auf Dialog

Der türkis-blauen Regierung, die den Islam zuletzt vermehrt im Visier hat, will er jedenfalls im Dialog begegnen – als „Stimme der Vernunft“, wie er es formuliert. Konfrontation hält er nicht für zielführend, doch den Kampf für die Anliegen der Muslime will er austragen, so der Jurist – auf dem Boden des Rechtsstaates. Eines sei aber klar: „Die Muslime in diesem Land dürfen sich nicht als Bürger zweiter Klasse fühlen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2018)