Anne Weber: Lebe deinen Groschenroman!

Lebe deinen Groschenroman
Lebe deinen Groschenroman(c) Fischer Verlag
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Märchenprinzessin im zweiten Bildungsweg: Mit "Luft und Liebe", das zuletzt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, liefert Anne Weber ein Buch für den Frühling.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich als Leser verbitte mir Geschwätzigkeit. Autoren, die mich – statt die Geschichte zu erzählen – beiseitenehmen und mir verschwörerisch erklären, warum sie was wann (nicht) geschrieben haben, möchte ich am liebsten zuzischen: Ruhe jetzt! Sie stören! Denn in manchen Situationen ist zu viel Information lästig, unhöflich sogar. Oder wollen Sie im Kino wissen, welche Kameraeinstellung benutzt wurde? Oder legen, wenn es spannend wird, Wert auf technische Erläuterungen Ihres Liebsten? Eben.

Und trotzdem kann man Anne Weber nicht wirklich böse sein. Denn die deutsch-französische Schriftstellerin schwätzt in ihrem Roman „Luft und Liebe“, der zuletzt auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, klug und elegant und sie hat es nicht leicht: Sie schreibt nämlich nicht über eine unglückliche, sondern über eine peinliche, unglückliche Liebe, eine Groschenromanliebe, das heißt, eigentlich schreibt sie über das Schreiben darüber. So steht am Beginn ein weggeworfenes Manuskript. Die Protagonistin, eine Schriftstellerin, die Weber ähnelt, hat erfolglos versucht, ihre eigene Geschichte der erfundenen Kunstfigur Léa umzuhängen, und startet nun einen neuen Versuch. Widerwillig und sich schamhaft windend geht sie ans Werk und flüchtet dabei in ein Spiegelkabinett der Identitäten. Mal spricht sie als Schriftsteller-Ich. Mal wird Léa, die ein Eigenleben entwickelt hat und aus der Mistkübelperspektive kommentiert, zurückgebeten. Meistens aber genügt, ganz sachlich, die dritte Person, „die Märchenprinzessin im zweiten Bildungsweg“.

Was gut passt, schließlich gibt es in dem Roman, der ein Pariser Sommermärchen ist, einen echten Ritter. Zwar verarmt und unscheinbar, aber immerhin mit Schloss am Land. Zwischen ihm und der Schriftstellerin entwickelt sich eine in zarten Aquarellfarben ausgemalte Romanze, die jedoch bald unschön mit der banalen Realität kollidiert, nämlich als die Märchenprinzessin einen Kinderwunsch entwickelt. Denn da bereits der „Sekundenzeiger der biologischen Uhr“ tickt, muss die Reproduktionssmedizin bemüht werden. Sprich: Der Ritter muss in Plastikbecher masturbieren und die Prinzessin/Schriftstellerin „das weiße Blatt mit ihrem Monatsblut beschmieren“. Peinlich das. Und Léa, das „Ich“ auf der Ersatzbank, bockt. Allerdings verständlicherweise, denn das Finale wird grotesk und der „Bremsweg der Hoffnung“ dorthin quälend.

SATC àla mode. Apropos quälend: Falls Sie als Mann bis hierher weitergelesen haben und sich fragen, ob das nicht „eh nur ein Frauenroman“ ist, lautet die Antwort: Ja – wenn „Sex and the City“ eine Frauenserie war. Denn der HBO-Massenerfolg und Webers sprachschönes Märchen haben – zieht man Modewahnsinn und Freundinnen ab – einiges gemeinsam. Und damit ist nicht bloß die Handlung (Heldin in der Großstadt analysierst mit dem Leser/Zuschauer die Abgründe der Liebe) gemeint. Sondern vielmehr ein Märchenrealismus, eine Selbstironie ohne Bitterkeit und der beeindruckende Nachweis, dass man aus dem ewigen Themensteinbruch „Liebe und so weiter“ noch immer frisches Material schlagen kann, das allen gefällt, von der „Brigitte“- bis zur „FAZ“-Leserin (plus natürlich deren Schnittmenge).

Denn obwohl leichte Kost, gerät Webers Roman nie unter Banalitätsverdacht. Davor bewahren ihn die poetische Sprache (französischer kann Deutsch kaum sein) und das manchmal mühsame Spiel mit der Identität. Denn in ihm spiegelt sich glaubhaft sowohl die bekannte Entfremdung, mit der man als Entliebte auf sein altes, grinsendes „Wie-konnte-ich-so-blöd-sein“-Ich zurückblickt, als auch das Berufsrisiko der Schriftstellerin, die nie ganz „ich“ ist, sondern auch immer die andere, die Beobachterin. Was Vorteile hat, denn es erlaubt, Tief- in Höhepunkte zu verwandeln. Sollten Sie also dieser Tage weinend in einem Flieger aus Paris sitzen oder nur daheim am Küchentisch, dann hören Sie auf eine geschwätzige Schriftstellerin: Solange man die Schläge des Schicksals in Sätze verwandeln kann, ist die Partie noch nicht verloren. Kein schlechter Rat zu Frühlingsbeginn, möchte man meinen.

Anne Weber, „Luft und Liebe“, Verlag S.Fischer, 256 Seiten, 18,95 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2010)

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