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Burnout: Warum Frauen ausbrennen

Burnout Warum Frauen ausbrennen
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Seit den 1970er-Jahren kennt man das Phänomen. Nur eine Modekrankheit? Nein, sagen Experten. Burn-out gibt es- und es trifft immer öfter Frauen mit Kindern. Egal, ob sie arbeiten oder nicht.

Bei Melitta N. begann es mit einem sanften Glimmen. Das niemandem auffiel, selbst ihr nicht. Konnte es auch nicht, denn für Kinkerlitzchen hatte Melitta N. nie Zeit. Bis vor Kurzem war sie nämlich das, was als rundum erfolgreiche Frau gilt. Die Ehe o.k., die Kinder ordentlich, sie arbeitete erfolgreich in einem anspruchsvollen Beruf. Es gab Reisen, Treffen mit Freunden, Besuche im Fitnesscenter. Doch dann änderten sich einige Vorzeichen, und Melittas bis ans Limit durchorganisiertes Leben geriet ins Wanken. Ihre Mutter wurde ein Pflegefall, im Betrieb wurde eingespart, was Melitta zwar nicht den Job kostete, wohl aber bedeutete, dass sie für zwei arbeiten musste.

Und so wurde aus dem Glimmen ein Schwelbrand. Melitta wurde immer müder, entwickelte psychosomatische Beschwerden, begann immer öfter grundlos zu weinen und hatte an nichts mehr Freude. Allein der Gedanke an eine gemeinsame Reise mit ihrem Mann, die sie früher genossen hatte, versetzte sie in Panik. Am Ende stand eine Diagnose, die sich immer mehr Frauen von Ärzten und Psychiatern sagen lassen müssen: Burn-out.

Das Gefühl, ausgebrannt zu sein, greift vor allem unter Frauen rasant um sich. Das stellte auch Wulf Rössler fest, Direktor der Klinik für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie an der Universitätsklinik Zürich. „Niemand sagt Danke schön und Lohn gibt's für Hausfrauen schon gar nicht“, sagte Rössler vor Kurzem in Schweizer Medien.

Das Selbsterfahrungsbuch eines prominenten Opfers trug ebenfalls dazu bei, das weibliche Burn-out in die Schlagzeilen zu bringen: Miriam Meckel, medialer High-Flyer und Kommunikationswissenschaftlerin, berichtete in „Brief an mein Leben“ von ihrem Zusammenbruch. Rösslers Begeisterung hält sich allerdings in Grenzen. Denn bei Meckel habe ein entscheidendes Element für „Burn-out“ gefehlt: Sie habe ihre Belastungen durchwegs selbst gewählt. „Für viele ausgebrannte Menschen ist sie damit kein Vorbild“, meinte er zur „Presse am Sonntag“.

Keine Belohnung, kein Ausweg. Hohe Arbeitsbelastung allein ist nämlich nicht genug, um zum „Burn-out“-Patienten zu werden. Solange man daraus auch Zufriedenheit bezieht, ist man vielleicht mitunter überfordert, die innere Feuergefahr hält sich allerdings in Grenzen. „Über ein Burn-out entscheiden andere Elemente“, sagt Rössler: „Hat man das Gefühl, entsprechend belohnt zu werden? Gibt es undurchdringliche hierarchische Strukturen? Kann man selbst bestimmen? Frauen mit Doppelbelastung haben zum Beispiel sehr selten die Möglichkeit, zu irgendjemandem Nein zu sagen.“

„Nein“ wollte auch der Universitätsmitarbeiterin Karin L. nicht und nicht über die Lippen kommen. Die geschiedene Alleinerzieherin zweier Kinder leistete gute Arbeit, doch ihre Kinder wollten nicht akzeptieren, dass ihre Mutter nicht rund um die Uhr für sie da war. Also zerriss sich Karin L. zugunsten ihrer Familie. Darunter litt wieder ihre Arbeit, weshalb sie aus schlechtem Gewissen noch mehr Aufgaben übernahm – und Job und Familie noch weniger unter einen Hut brachte. Das Resultat war eine Therapie. Für Karin L. ging diese Episode glimpflich aus, sie lernte mit ihrer Zeit besser umzugehen und tatsächlich auch mal Nein zu sagen. In vielen Fällen endet ein derartiger Teufelskreis allerdings mit Tablettensucht und völliger Arbeitsunfähigkeit.

Erika Schneider hat diesen Teufelskreis schon unzählige Male gesehen. Die Psychotherapeutin am Institut „Lot“ in Wien arbeitet viel mit Frauen im oder kurz vor dem Burn-out. „Davon betroffen sind vor allem Frauen mit hohen Ansprüchen an sich selbst, sehr leistungsorientiert, die Erfolge gewöhnt sind. Wenn diese Schere zu weit auseinanderklafft, beginnen die Probleme.“ Schuld an dieser Situation sei der Perfektionsanspruch, mit dem das eigene Leben angegangen werde. „Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich ist. Das verführt dazu, auch alles zu wollen. Und damit entsteht der Druck, perfekt sein zu müssen.“ Das gelte nicht nur für Frauen auf dem Drahtseil zwischen Job und Familie, sondern auch für jene, die sich entschieden hätten, „nur“ Hausfrau und Mutter zu sein. „Wenn es Probleme mit den Kindern gibt, obwohl die Mutter die ganze Zeit daheim ist, kann dieser Druck ins Unermessliche steigen.“ Ihre Antwort: lernen, bei sich selbst auch mit 80 Prozent zufrieden zu sein.

Seit den 1970er-Jahren kennt man das Phänomen, das erstmals bei Angehörigen sozialer Berufe entdeckt wurde. Es meint die völlige emotionale und körperliche Erschöpfung.

Voraussetzungen sind hohe Arbeitsbelastung sowie wenig oder keine Belohnung oder Entscheidungshoheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2010)