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Klassiklabels: "Die CD verschwindet nicht"

Klassiklabels verschwindet nicht
Richard Winter(c) Fabry
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Der Markt für Klassik-CDs ist kein blühender. Dennoch gibt es in Österreich vier kleine, aber feine Klassiklabels. Wie behauptet man sich da? Wieso tut man sich das an? Und wie groß ist die Bedrohung durch MP3-Downloads?

Seit 2000 schrumpft der Markt für Klassik-CDs jedes Jahr um fünf bis 15 Prozent. Nicht gerade ein Emerging Market also, wenn man es neudeutsch ausdrücken will. Und dennoch gibt es in Österreich einige kleine, aber feine CD-Labels, die standhaft ihre Position zu verteidigen suchen. Zu ihnen gehört etwa Gramola, deren Chef, Richard Winter, Sätze sagt wie: „Ich kann unsere eigene Halbwertszeit nicht länger als zwei, drei Jahre prognostizieren“, oder: „Unsere Tugend ist, einfach da zu sein, während andere umfallen“, aber auch: „Dass die Leute aufhören, Kultur zu konsumieren, davon kann niemand ausgehen.“

Das Unternehmen, das Winter von seinem Großvater übernommen hat, hat eine glanzvolle Geschichte: Gramola, 1924 gegründet, war eine tschechisch-englische Produktionsfirma, die unter anderem die Wiener Philharmoniker oder Richard Tauber coverte. In der Weltwirtschaftskrise 1931 ging die Firma in Konkurs; was blieb, waren der Name und das Detailgeschäft am Graben. Winter senior, sein Sohn und manchmal auch sein Enkel sind dort regelmäßig anzutreffen.

Richard Winter kümmert sich vor allem um die strategischen Belange und die CD-Produktion. Die Augen des 64-jährigen Energiebündels beginnen zu leuchten, wenn er von seinen aktuellen Projekten erzählt: etwa vom Acies-Quartett, das mit dem Cellisten David Geringas gerade das Schubert-Streichquintett in C-Dur eingespielt hat. „Das Quartett hat im Jahr 2006 viele Preise bekommen. Die Bank Austria hat die Produktion der Debüt-CD – damals Streichquartette von Haydn, Beethoven und Schubert – mitgetragen. Dennoch wollte Universal die Produktion nicht machen – weil nicht 15.000 Stück Absatz garantiert werden konnten. Wir haben das übernommen und haben 6000 Stück verkauft – eine Sensation für eine Debüt-CD,“ so Winter.

Nicht Protz, Identifikation! Dass sich das Geschäft auf MP3-Downloads verlagert, glaubt der Verleger nicht. „Das Herunterladen spielt bei Handy-Klingeltönen oder bei Hitparadensingles eine Rolle, in der Klassik nur in Südostasien und den USA. Wir werden zwar heuer kostenpflichtige Soundfiles auf unserer Homepage anbieten, ich denke aber, dass die Leute weiterhin ihre Tonträger neben ihren Büchern stehen haben wollen. Nicht um zu protzen, aber als Identifikation.“ Also wird er weiterhin CDs produzieren, rund 25 Aufnahmen pro Jahr, meist mit österreichischen Künstlern. Und wenn mal eine Platte dabei ist, die sich nicht als Bestseller herausstellt, verzweifelt Winter auch nicht. „Denn ich ziehe einen großen ideellen Nutzen aus meiner Tätigkeit.“

Idealismus ist auch bei den drei anderen Klassik-Label-Verlegern zu finden. Christoph Preiser, Eigentümer von Preiser Records und Musikliebhaber, möchte zwar keine roten Zahlen schreiben, „aber wenn bei einem Herzensprojekt nicht absehbar ist, dass es sich rentiert, dann machen wir es trotzdem. Eine gewisse Pflege ist man ja den Künstlern schuldig.“ Zu den Nischen-Produktionen gehören etwa Lyrik-CDs oder Lieder. „Da verkaufen wir manchmal nur 40 Stück.“ Dafür sind Hör-CDs von Qualtinger auf dem deutschsprachigen Markt nach wie vor ein Renner, und Jahresregenten wie Haydn verkaufen sich in Asien besonders gut. „Es ist wichtig, im Ausland einen guten Kontakt zum Vertrieb zu haben“, so Preiser. Auch die kostenpflichtigen Downloads gewinnen an Bedeutung. „Sie machen bald zehn Prozent des Umsatzes aus.“ Ganz neue Wege beschreitet Preiser Record mit der Sanierung und Wiedereröffnung des Casino Baumgarten auf der Linzer Straße. Das ehemalige Tonstudio in einem Gebäude aus 1892 wurde technisch auf Vordermann gebracht und steht seit März wieder als Aufnahmesaal, aber auch für Konzerte oder andere Veranstaltungen zur Verfügung. „Das ist wichtig, um unsere Künstler zu vermarkten. Natürlich ist eine CD als Visitenkarte wichtig – aber was für die Karriere zählt, sind die Auftritte.“

Eine enge Beziehung pflegt auch Peter Oswald zu „seinen“ Künstlern. Sein Label Kairos hat sich auf Moderne Musik spezialisiert – Titel von Beat Furrer, Olga Neuwirth oder Pierre Boulez findet man im Katalog. „Während die Musikindustrie total eingebrochen ist, sind wir aufgebrochen“, sagt Oswald. 2000 bis 5000 Stück verkauft er pro CD. Die Kosten hält er gering. „Für uns ist aber nicht so sehr das kaufmännische Interesse, sondern die tiefe Freude an der Sache ausschlaggebend. Ich bin schon froh, wenn am Ende eine Null herauskommt“, so Oswald.

Sponsorenund Passionen. Er selbst hat sich mit 14 Jahren mit dem Musikvirus infiziert, schuld daran waren Edgar Varèses „Intégrales“. Seitdem ist Oswald der Musik treu geblieben – als Veranstalter und als Verleger. Dass seine Passion vom Aussterben bedroht ist, glaubt er nicht, weder technisch noch inhaltlich. „Die CD wird sicher nicht ganz verschwinden. Das ist wie beim Buch. Die Menschen wollen auch das haptische Erlebnis. Und wenn man hört, wie ein 84-jähriger Cerha ein Meisterwerk nach dem anderen schreibt, dann braucht man keine Angst vor dem Alter zu haben.“

Col Legno ist das vierte österreichische Label, das vor der Zukunft nicht zurückschreckt. Weil es immer wieder neue Zugänge zur zeitgenössischen Musik aufspürt, etwa mit Wolfgang Mitterer, Akkosax oder Franui. Weil eine Zusammenarbeit mit wichtigen Festivals (Salzburger Festspiele, Tiroler Festspiele in Erl) besteht. Und weil es einen spendablen Financier gibt, der so manches mitträgt: Christian Köck, selbst Musikliebhaber.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2010)