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Feuerland: Ans Ende der Welt

Erhaben. Markanter Gebirgszug am Beagle-Kanal im Süden von Feuerland: die ­Cordillera Darwin.
Erhaben. Markanter Gebirgszug am Beagle-Kanal im Süden von Feuerland: die ­Cordillera Darwin.(c) Australis

Feuerland, Magellan, Darwin, Kap Hoorn: Klingende Namen und viel unberührte Natur entlang einer Reiseroute ans Ende der Welt.

Nach der Landung in Punta Arenas muss das Flugzeug zunächst in Warteposition vor dem Flugzeuggebäude gedreht werden, sodass es in möglichst ruhiger Lage zu stehen kommt. Draußen weht der Wind so stark, dass das Verlassen der Maschine über die Außentreppe sonst zu unsicher wäre. „Nehmen Sie Ihre Hüte ab, sie werden sonst garantiert fortgeweht", gibt der Kapitän den Aussteigenden dann noch einen guten Rat mit auf den Weg und entlässt sie ins unwirtliche Freie. „Ach, solche Windspitzen im Frühling sind bei uns keine Seltenheit", beruhigt dann wieder der Taxifahrer seine Gäste auf dem Weg ins Zentrum der kleinen Stadt im chilenischen Patagonien. So ein bisschen Geschaukel als Aufregung im Reiselogbuch zu verzeichnen fände er bestimmt albern. Schließlich wackelt auch das Auto auf der Fahrt durch die Vorstadtsteppe zwischen den Spuren der Straße hin und her.

Der erste Vorgeschmack auf die Macht der Natur hier, im äußersten Süden Südamerikas und damit fast am Ende der Welt, stellt sich also noch auf dem Festland ein. Wenige Stunden später, ab dem Betreten des Kreuzfahrtschiffs Ventus Australis, wird sich diese Ahnung dann noch vertiefen: Zwar ist das kleine Schiff mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet und – für diese Art des Reisens – von fast intimer Größe, der arglose Fahrgast wird sich zwischendurch aber doch fragen, wie die Fahrt entlang der Magellanstraße, durch den Beagle-Kanal und bis hinunter zu Kap Hoorn sich anfühlen würde, wenn nicht hochmoderne Stabilisatoren die ständige Ausgesetztheit gegen Wind, Wetter und Wogen ausgleichen würden. In Anbetracht solcher Gedanken – und natürlich wegen des Informationsgehalts in Zusammenhang mit dieser Reise – ließe sich allen Passagieren des Schiffs der Cruceros Australis die begleitende Lektüre von Stefan Zweigs „Magellan" ans Herz legen.

Das Auge darf ruhen. An Bord des Schiffs, das zwischen Atlantik und ­Pazifik kreuzt, kehrt große Ruhe ein.
Das Auge darf ruhen. An Bord des Schiffs, das zwischen Atlantik und ­Pazifik kreuzt, kehrt große Ruhe ein.(c) Daniel Kalt

Einerseits natürlich, weil Zweig in seinem Buch eindrücklich die Großtat des unter spanischer Flagge fahrenden Portugiesen beschreibt, der als erster eine Möglichkeit fand, den als Nord-Süd-Barriere wahrgenommenen amerikanischen Kontinent zu um- oder besser zu durchschiffen. Aber auch, weil Zweig in seiner Einleitung erzählt, wie ihm selbst auf einer Schiffsreise von Europa nach Brasilien der Aufenthalt an Bord zu beschwerlich wurde und er sich sogleich selbst zurechtwies: „Versuche es dir vorzustellen, wie sie damals ausfuhren ins Unbekannte, unkund des Weges, ganz im Unendlichen verloren, ununterbrochen ausgesetzt der Gefahr, preisgegeben jeder Unbill des Wetters, jeder Qual der Entbehrung."

Mysterium „Cabina 428". So etwas kann einem nämlich schon durch den Kopf gehen, während man vor Panoramafenstern die Landschaft heimelig vorbeiziehen sieht. Und gar dann, als sich minutengenau die Ankündigung bewahrheitet: „Heute Nacht gegen zwei Uhr erreichen wir den Pazifik – wundern Sie sich nicht, wenn die Fahrt unruhiger wird." Der modernen Technologie (oder einer robusten Konstitution, oder der Kombination aus beidem?) sei Dank: Die „Ausfälle", wie manche Passagiere sich hämisch auszudrücken wünschen, halten sich aber in Grenzen, und auch nach einer Auf-ab-Nacht, gefolgt von einigen Hin-her-Vormittagsstunden, treten fast alle Reisenden die geplanten Landgänge an.

Denn genau diese Exkursionen mit Wanderungen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade machen den Reiz der Reise aus und sie zu mehr als einer reinen Landschaftsbeschau. Das Prozedere ist dabei immer dasselbe: Die Passagiere werden in kleinere Gruppen aufgeteilt, oft passiert das nach Länderzugehörigkeit oder Sprachraum. Einzig die französischsprachigen Schweizer vermag die Besatzung anfangs weder nach dem einen noch nach dem anderen Kriterium zuzuordnen, weshalb sie zunächst geheimnisvollerweise als „Cabina 428" auf den Infoscreens zu den Treffpunkten zitiert werden.

Gute Führung. Ortskundige Begleiter auf allen Landgängen sind die Mitarbeiter der Cruceros Australis.
Gute Führung. Ortskundige Begleiter auf allen Landgängen sind die Mitarbeiter der Cruceros Australis.(c) Daniel Kalt

Dort werden alle genau instruiert, wie sie ihre Schwimmwesten anzulegen haben, und auch das Betreten und Verlassen der Zodiac-Schlauchboote soll nach einer genau festgelegten Bewegungsfolge passieren. All diese kleinen Handgriffe werden während der viertägigen Fahrt von Punta Arenas nach Ushuaia allmählich zur Routine. Ebenso wie man ein immer besseres Gefühl dafür bekommt, ob man sich nun für eine „leichte", „herausfordernde" oder „besonders schwierige" Route an Land entscheiden sollte. Gebaute Landungsstege, Hafenanlagen, das gibt es entlang der Reiseroute ja nirgends: Das Schiff bewegt sich durch eine menschenleere Landschaft, die Wanderungen führen sämtlich durch Naturschutzgebiete.

Digital Detox. Bei aller Abenteuerlust, die sich, Zweig-Lektüre hier, Magellan-Reminiszenzen da, einstellen mag, sind freilich alle Wanderungen an Land weit davon entfernt, unbewältigbar zu sein. Was die Reisenden genau erwartet, erläutern die Crewmitglieder ohnehin stets am Vorabend: Sie geben einen Ausblick auf die landschaftlichen Höhepunkte, erzählen von Fauna und Flora, fassen gar die Wissenschaft der Gletscherkunde in groben Zügen zusammen oder versuchen, ein ansatzweises Umweltbewusstsein zu vermitteln (das schlechte Gewissen nach absolvierten Langstreckenflügen bleibt taktvollerweise ausgeklammert).

Nahaufnahme. Eine große
Nahaufnahme. Eine große Attraktion sind die wenig scheuen Magellan-Pinguine. Ihnen begegnet man nur vom Boot aus.(c) Australis

Denn wer an Bord ist, ist wohl unweigerlich von einem tieferen Interesse an dieser entlegenen Region getrieben und nicht einfach so, in Ermangelung anderer Reise­ideen, in Feuerland gelandet. Ein Zusatzaspekt des Angebots an Bord ist, dass man ein paar Tage lang gar nicht erreichbar ist: Weder gibt es ein Telefonsignal noch Satelliteninternet. Während man anderswo für Digital-Detox-Angebote ein kleines Vermögen bezahlt, ist die Kommunikationsentwöhnung hier quasi im Reisepreis enthalten.

Und so lernt man von Tag zu Tag Neues, lernt und staunt: über die einst von Fellhändlern eingeschleppten Biber, die das Ökosystem umkrempeln, auf einer Wanderung in der Ainsworth-Bucht mit Blick auf den Marinelli-Gletscher. Man lernt Kaiserkormorane fast persönlich kennen und kommt Magellan-Pinguinen, die als besonders freundlich gelten, zum Greifen nah. Ohnehin wundern sich die kleinen Vögel offenbar kaum mehr über die Besucher in neonfarbenen Schwimmwesten, die das Meer ihnen da vor die Füße spült.

Eis und Schlamm. Besonders eindrucksvoll ist der Landgang am Fuße des Pia-Gletschers, der sich pittoresk in eine Bucht ergießt: An einem schönen Sonnentag im Vorfrühling warten die Besucher gespannt darauf, ob und wann er zu kalben beginnt. Bei einer kleinen Kletterpartie zu einer Anhöhe, die zur Gänze über verschlammte Wege führt und die Wanderer bis zum Knie im Dreck versinken lässt („Der Albtraum einer Mutter, wenn die Kinder so nach Hause kommen", sagt eine Mitreisende), erschließt sich ein wunderbares Berg-, Eis- und Gletscherpanorama. Die anschließende Fahrt entlang der sogenannten Gletscherallee ist, etwa von der annehmlich bestückten Bar des Schiffs aus verfolgt, ein besonders beeindruckendes Erlebnis.

Südspitze. Ein ­Höhepunkt ist der Landgang auf Kap Hoorn. Dieser kann aber nur bei günstigen Bedingungen stattfinden.
Südspitze. Ein ­Höhepunkt ist der Landgang auf Kap Hoorn. Dieser kann aber nur bei günstigen Bedingungen stattfinden.(c) Australis

Von den Wetterverhältnissen hängt es schließlich ab, ob der – von vielen als Höhepunkt der Reise empfundene – Landgang auf Kap Hoorn stattfinden kann. Manch einer ist enttäuscht, als Marcelo, der Leiter der Expeditionsteams, um 6.30 Uhr morgens über die Lautsprecher­anlage mitteilt, dass das kleine Eiland diesmal nur umschifft werden könne.

Das letzte Mal gehen die Reisenden dann in der Wulaia-Bucht an Land, wo ein kleines Fotomuseum in einem von Australis instand gesetzten Haus untergebracht ist. Hier erinnert man sich an das Volk der Yamaná, jener Wassernomaden, die bis zum frühen 20. Jahrhundert Landstriche der Tierra del Fuego besiedelten. Sie traf Charles Darwin an, als er auf der HMS Beagle mit Admiral FitzRoy durch Feuerland segelte: Ihre Kultur ist heute zerstört, die Ureinwohner sind nicht mehr anzutreffen. Nach den Rauchsäulen und Feuerstellen dieser Küstennomaden ist die Region (ursprünglich Tierra de Humos, also Rauchland) freilich benannt worden. Diese Reminiszenz stimmt nachdenklich und führt noch einmal vor Augen, was ohnehin allen Reisenden bewusst ist: Dass auch in dieser entlegenen Gegend die Ankunft der Europäer keineswegs nur Gutes brachte und dass Fremdlinge hier einst eine Zivilisation verdrängten, die mit ihrer Heimat in bestem Einklang stand.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Cruceros Australis.

Info

Anreise: Anreise über Santiago de Chile und Buenos Aires etwa mit der Lufthansa Gruppe. Inlandsflüge nach Punta Arenas und Ushuaia z. B. mit LAN Chile und Aerolíneas Argentinas.

Lesestoff: Für alle, die ihren Abenteuergeist wecken wollen, empfiehlt sich „Magellan" von Stefan Zweig als Bordlektüre.

Cruise-Anbieter: Zwischen ­September und April fahren die Schiffe von Cruceros Australis: Jeweils vier Nächte verbringen Reisende an Bord der „Ventus Australis" oder der „Stella Australis", die von Punta Arenas nach Ushuaia oder in die umgekehrte Richtung fahren. Ab 1440 USD pro Person in der Zweierkabine, www.australis.com