Kopftuchfragen in der "ZiB 2": Wenn das Gebot zum Angebot wird

Ümit Vural setzt auf die weibliche Selbstbestimmung.
Ümit Vural setzt auf die weibliche Selbstbestimmung.(c) Screenshot

TV-Notiz Der Wiener Jurist Ümit Vural ist neuer Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Zur Kopftuchfrage hat er offenbar eine sehr österreichische Einstellung.

Seit dem Wochenende hat die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) mit Ümit Vural ein neues Oberhaupt. Und zwar eines, das bestens vernetzt ist und weiß, wie Österreich tickt. Das jedenfalls sagte der bekannte Strafrechtler Rudolf Mayer am Mittwochabend in der "ZiB 2" (in seiner Kanzlei ist der Wiener Jurist Vural Rechtsanwaltsanwärter). Vural gilt als Pragmatiker, ihm wird auch Empathie attestiert, er ist Mandatar in der Arbeiterkammer, kennt die politischen Parteien.

Als der 36-Jährige gestern zu Gast bei Armin Wolf war, wurde er - es lag auf der Hand - auch ausführlich zum Kopftuchverbot in Kindergärten und Volksschulen befragt. Sein Vorgänger nannte dieses Verbot ja "letztklassig und schamlos", das Thema birgt jedenfalls Sprengkraft. Vural jedenfalls sprach sich dagegen aus, dass Kinder Kopftuch tragen, denn dies müsse eine bewusste Entscheidung sein. Der Weg über Verbote sei aber ein destruktiver. Man müsse auf den Dialog setzen, so Vural mit sorgenvoller Miene.

Muss man ein Gebot befolgen?

Und wie ist das bei erwachsenen Frauen? Wolf wies Vural auf eine Fatwa (islamisches Rechtsgutachten, Anm.) des theologischen Beratungsrates der Glaubensgemeinschaft aus dem Frühjahr 2017 hin. Demnach gebe es für Frauen das Gebot, Kopftuch zu tragen. Vural erklärte, er müsse das nach außen repräsentieren, was der Beratungsrat beschlossen habe. Wolfs schneller und logischer Nachfrage "Das heißt, eine muslimische Frau soll ein Kopftuch tragen in der Öffentlichkeit?" hielt er wieder die bewusste Entscheidung jeder Frau entgegen.

Wie passt das nun zusammen? "Das eine ist das Religiöse, wo man sagt, es ist ein Gebot. Aber auch Gebote müssen aus Überzeugung bewusst entschieden werden", so der neue Präsident. Aha, denkt man sich als Zuseher, Gebote müssen nicht befolgt werden? "Durch Druck und Zwang widerspricht das dem Fundament der Religiosität", sagt Vural. Auch Armin Wolf ist etwas ratlos. Sei eine Frau nun eine schlechte Muslima, wenn sie kein Kopftuch trage? "Nein. Ich glaube, eine Frau, die kein Kopftuch trägt, ist nicht schlechter zu bewerten. Es ist eine persönliche, höchst intime Gewissensentscheidung." Und die müsse man respektieren.

Nun ist die Wortfamilie rund ums Bieten ja weit gefasst, und wenn das Gebot auch inhaltlich üblicherweise wenig Spielraum lässt, ist es für Vural offenbar doch ein Angebot. Ob das botmäßig ist? Stellt er sich dem theologischen Beratungsrat entgegen? Oder wich er nur aus? Vielleicht zeigen seine Aussagen auch nur etwas sehr Österreichisches, nämlich eine spezifische Form der Widersprüchlichkeit. Österreich, so heißt es ja manchmal, ist eben Entweder Und Oder. Das ist offenbar auch bei der IGGÖ angekommen: Vural weiß eben, wie Österreich tickt.  

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