Amanshausers Album: Isolation

­Noch leben „uncontacted people“ auch im Amazonas-Regenwald. Doch Rohstoffjäger und Drogenschmuggler stören zusehends ihre ­Kreise.
­Noch leben „uncontacted people“ auch im Amazonas-Regenwald. Doch Rohstoffjäger und Drogenschmuggler stören zusehends ihre ­Kreise.(c) APA/AFP/Peruvian Ministry of Cul (HO)

78 - Indien trifft eine weise Entscheidung: Der Kampf eines der letzten Naturvölker ums Überleben.

Nach einem Dreivierteltag Flussfahrt in einem motorisierten Miniboot stieß ich tief in Perus Regenwald vor. Im Camp traf ich eine Gruppe papageibeobachtender Forscher. Einer erzählte, wie er eine Tagesreise flussaufwärts zwei „uncontacted people" aufgescheucht hatte, die sich vor ihm elegant in den Busch zurückzogen. Ihr Volk sei überhaupt erst seit Begegnungen mit Baumfällern der regenwaldverarbeitenden Großkonzerne bekannt, es lebe ohne Kontakt zur Zivilisation.

Daran musste ich denken, als ich vom Beschluss der indischen Regierung las, ein unkontaktiertes Volk auf den Andamanen, das einen Missionar getötet hat- te, nicht zur Rechenschaft zu ziehen, ja nicht einmal auf Herausgabe der Leiche zu bestehen. Die 50 bis 150 Bewohner der 60 Quadratkilometer kleinen North Sentinel Island kennen offenbar die Gefahren der Zivilisation, die man mit zwei Worten zusammenfassen könnte: totale Auslöschung. In den Siebzigerjahren war auch Heinrich Harrer an einer Kontaktaufnahme gescheitert. Gegenüber „uns" Eindringlingen verhalten sie sich kriegerisch. Hubschrauber werden beschossen, 2006 hatte das Inselvolk gar zwei gestrandete Fischer getötet.

Der 26-jährige US-Missionar John Allan Chau wollte die Sentilesen, immerhin weltweit eine der letzten Chancen auf genuin-jungfräuliche Mission, unbedingt bekehren. „You guys might think I’m crazy in all this", schrieb er an seine Eltern, „but I think it’s worth it to declare Jesus to these people." Seine Helfer, lokale Fischer, scheuten davor zurück, ihn am Strand abzusetzen. Optimist Chau landete daraufhin mit seinem Kajak. Er betrat North Sentinel Island mit Geschenken wie Sicherheitsnadeln, einem Fußball, einer wasserfesten Bibel. Er rief: „My name is John, I love you and Jesus loves you!" Die Sentilesen beschossen und verjagten ihn. Er notierte das Erlebnis detailliert und kehrte voller Liebe zurück. Letztlich sollen ihn Pfeile der versierten Bogenschützen getroffen haben. Im letzten Brief zeigte Chau klares Bewusstsein über die Tragweite seiner Entscheidung: „Bitte nicht böse auf sie oder mich sein, wenn ich getötet werde!"

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