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Porträt

„Leistung lässt sich nicht erzwingen“

(c) Czipin

Als „Produktivitätssteigerer“ ist Alois Czipin mittlerweile 40 Jahre im Geschäft. Wer verändern will, sagt er, müsse Lust darauf machen und den Nutzen aufzeigen.

Sein Zugang ist recht einfach: „Der Mensch“, sagt Alois Czipin, „will produktiv sein. Er will am Abend das Gefühl haben, etwas weitergebracht zu haben.“ Und das im Idealfall auch selbst sehen können. Dieser Zugang begleitet den gebürtigen Wiener Neustädter mittlerweile seit 40 Berufsjahren. Zusammen mit der Kernfrage: Wie kann man mit Strukturen und Prozessen Mensch und Maschine besser in Einklang bringen? „Dort muss man schrauben, und dort findet man auch immer etwas“, sagt Czipin, der sich einen Ruf als „Produktivitätssteigerer“ erarbeitete.

Nach dem WU-Studium in Wien begann er mit 22 Jahren bei einer internationalen Beratungsgesellschaft zu arbeiten und gründete mit gerade einmal 29 Jahren mit seiner Frau Brigitte sein eigenes Beratungsunternehmen. Er operierte nicht nur auch in Deutschland, sondern als einer der Ersten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Ungarn, Tschechien und der Slowakei. 2001 verkaufte er das auf mehr als 100 Mitarbeiter angewachsene Unternehmen, um zwei Jahre später eine weitere Beratungsfirma zu gründen. Diese machte gleich mit der Sanierung der Handelskette Libro in Zusammenarbeit mit Josef Taus auf sich aufmerksam.

Produktivität, sagt Czipin, sei damals wie heute einfach zu berechnen. „Produktivität ist Output durch Input.“ Um an ihr und damit am gesamten Order-to-cash-Prozess arbeiten zu können, verwende er heute wie vor 40 Jahren „Aktivitätslisten“. So könne er sich einen Eindruck verschaffen und für alle Beteiligten transparent machen, auf welche Art und Weise Produkte erstellt und Dienstleistungen erbracht werden.

Gerade was den Umgang miteinander und die Führung betreffe, habe sich viel geändert. „Im 20. Jahrhundert wurde viel mit Druck gearbeitet. Meist waren Unternehmen streng top-down organisiert.“ Im 21. Jahrhundert, speziell nach der sogenannten Wirtschaftskrise, habe man verstanden: „Mit Angst kann man nicht gut arbeiten.“ Mit Lust – dem Gegenteil von Angst – hingegen schon. „Menschen haben eine Freude, wenn etwas funktioniert“, sagt Czipin, „wenn sie anspruchsvolle, attraktive Ziele erreichen.“

„Sehen, was die Menschen tun“

Seine Aufgabe, aber auch die Aufgabe von Führungskräften sei zu zeigen, „dass es Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Wir müssen zeigen, wie eine Veränderung jedem Einzelnen und dem Unternehmen nutzen kann.“ Und, sagt Czipin, Führungskräfte müssen Möglichkeiten für Veränderung schaffen – im Verhalten, im System. Das bedeute auch, dass sich Führungskräfte auf die Situation und auf die Menschen einlassen müssen. „Wer führen will, muss sehen, was die Menschen tun. Denn Menschen wollen wahrgenommen und wertgeschätzt werden“, sagt Czipin. Nur so werde Leistung möglich. „Gute Leistung lässt sich nicht erzwingen.“ Die Sklaverei habe nicht funktioniert, ebenso wenig Repression.

Lust auf Veränderung lasse sich mit Inszenierung erzeugen und mit Bildern, die man immer wieder aufrufen kann. „Die rationale Seite der Erkenntnis in einem Veränderungsprozess ist nicht genug – die Emotion darf nicht fehlen“, sagt Czipin.

Damit Veränderungen und damit letztlich die gewünschten Produktionssteigerungen tatsächlich stattfinden können, begleitet er auch immer die Umsetzung, bis die Veränderung implementiert ist. Denn ohne Umsetzung sei alles nichts. Er würde sogar so weit gehen und sagen, es sei besser, ein gutes Konzept vollständig umzusetzen, als ein perfektes Konzept nur zur Hälfte.

Da geht noch deutlich mehr

Potenzial, die Produktivität zu verbessern, sieht er auch in der Zukunft. In der Serienfertigung dank immer breiterer technischer Möglichkeiten sogar bis zu 90 Prozent. „Die Möglichkeiten sind bei Weitem nicht ausgeschöpft.“ Selbst dort, wo es Richtung Losgröße eins gehe, also sehr individuell auf einzelne Kunden zugeschnitten produziert werde, könne man 15 bis 20 Prozent mehr herausholen. 20 bis 25 Prozent Produktivitätssteigerung sei auch im Dienstleistungssegment möglich. Mehr aber nicht, weil sich hier nur wenig skalieren lasse.

ZUR PERSON

Alois Czipin (62) machte sich in den vergangenen 40 Jahren einen Namen als „Produktivitätssteigerer“. Nach Lehrjahren bei einer internationalen Beratungsgesellschaft machte sich Czipin mit 29 Jahren selbstständig und war als Berater einer der First Mover in Ungarn, Tschechien und der Slowakei nach dem Fall der Mauer. 2001 verkaufte er das auf über 100 Mitarbeiter angewachsene Unternehmen, um zwei Jahre später ein weiteres Beratungsunternehmen zu gründen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2018)