In Aachen eröffnet: „Hans von Aachen“, ab Oktober im KHM zu sehen. Hans von Aachen war ein europäischer Hofkünstler, wie er im Buche steht.
Er war ein europäischer Hofkünstler, wie er im Buche steht – und teilte auch dessen Schicksal: Als Deutscher, der in Prag Kaiser Rudolf II. diente und dessen Hauptwerke sich schließlich im Wiener Kunsthistorischen Museum wiederfanden, fiel er durch die Interessenraster der lange national geprägten Kunstgeschichtsschreibung. Dabei war Hans von Aachen ein den Quellen nach gar nicht zickiger Star seiner Zeit – obwohl ein mächtiger Mann. War er doch nicht nur auf kaiserlichen Befehl auf Jagd nach Kunst in ganz Europa, sondern wurde von Rudolf II. auch auf „Brautschau“ geschickt. Er schien trotzdem keine Feinde gehabt zu haben – gar von einem „edlen Herz“ und „frommen Handeln“ wird berichtet. Auch, dass er anscheinend wenig Angst vor Konkurrenz zu haben brauchte, „allen Künstlern wohlgesinnt ist, und niemanden schädlich, sondern förderlich ist“.
Die Wiederentdeckung dieses Zeitgenossen von Rubens und Caravaggio mag aber vielleicht auch deshalb so lange gedauert haben bzw. dauert noch an, weil er weniger Eigenarten hatte, positiv formuliert flexibler in Themen und Stil war als seine berühmteren Kollegen. Als „Diplomat mit Pinsel und Palette“ wird er höflich bezeichnet. Das zeigt auch sehr schön die große Retrospektive, die jetzt in Aachen begann – und im Herbst in Wien enden wird. Die Kooperation – dritter Partner ist die Prager Burg – schafft es erstmals, mit 46 Gemälden, 44 Zeichnungen und 22 Stichen aus 13 europäischen Ländern und den USA einen breiten Überblick über Hans von Aachens Werk zu geben.
Dramatisch inszenierter Tourneestart
Der Tourneestart im charmanten kleinen Suermondt-Ludwig Museum in Aachen ist dramatisch inszeniert – mit Guckfenstern, sehr dunkel, die Gemälde stark herausgeleuchtet. Ähnlich neugierig macht auch der Start von Aachens Karriere: Als 22-Jähriger ging er von Köln nach Venedig, wo er zusätzlich zu seiner flämisch-realistischen Prägung im Studio von Gaspar Rem eine Portion italienische Eleganza verpasst bekam.
Eine köstliche Serie von Selbst- und Künstlerporträts zeugen vom Witz und vom geselligen Wesen des jungen Deutschen. Am Münchner Hof gab er sich schon ernsthafter: Hier verfeinerte er seine Darstellung christlicher und allegorischer Themen, deren Ruf sich bald bis nach Prag verbreitete.
Der Kaiser adelte ihn, 1596 ließ sich Hans von Aachen, verheiratete mittlerweile mit der Tochter des Komponisten Orlando di Lasso, am Prager Hradschin nieder. Im Veitsdom wurde er 1615 schließlich auch begraben, sein Grabstein aber später entfernt. Aachens Prager Zeit war jedenfalls künstlerisch nicht von Zimperlichkeiten geprägt, er folgte wohl dem Geschmack seines Herren gar zu sehr: Zauberhaft und züchtig zwar noch das Porträt der Erzherzogin Anna, deren Kopf im feinen Spitzenkragen porzellanen zu schweben scheint (ausgeliehen aus der Gemäldegalerie des Schlosses Amras). Derb jedoch die vielen Nackedeis, die er sonst über die Leinwände und Alabasterscheiben toben und turteln lässt. Pralle Brüste und erotische Anspielungen – ein dickes Gürkchen etwa verdächtig nahe an Ceres' Gesäß – scheint der Kaiser besonders geschätzt zu haben. Schräger Höhepunkt: die wie Silikonkegel abstehenden Brüste der sich erdolchenden Lucretia, die an Madonnas konische Gaultier-Korsagen der 1990er-Jahre erinnern.
So bleibt der Eindruck ambivalent: Aachens Werke vermögen zwar in der Ausstellung selbst mit ihrem charmanten flämisch-venezianischen Mischstil zu überzeugen. In der Erinnerung aber verblassen sie schnell zu höfischen Zeitdokumenten.
Ausstellung
■„Hans von Aachen (1552–1615)“ hat drei Stationen: bis 13. Juni noch im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, dann in der Prager Burg. Ab 19.Oktober werden die rund 90 Werke im Wiener Kunsthistorischen Museum zu sehen sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2010)