Steffen Kretschmann verlor seinen Schwergewichtskampf nicht durch Knock-out, sondern durch Burn-out. Seine Karriere ist damit wohl vorbei.
Wien.Legendäre Boxgeschichten erzählen normalerweise von brutalen Kämpfen, von großen Schlägern und muskulösen Heroen. Boxkämpfe sind dann außergewöhnlich, wenn sich zwei Menschen gegenseitig außergewöhnlich wehtun. Samstagabend sahen 4000 Zuschauer in Hamburg und hunderttausende vor den Fernsehschirmen ebenfalls einen außergewöhnlichen Boxkampf. Doch diesmal endete der Fight nicht mit einem Knock-out, sondern mit einem Burn-out. Der deutsche Schwergewichtsboxer Steffen Kretschmann wollte einfach nicht mehr zuschlagen. Er führte im Kampf gegen den Russen Dennis Bachtow nach Punkten, hatte aber in der neunten Runde genug. Plötzlich drehte er von seinem Gegner ab, ging in seine Ecke und schüttelte den Kopf.
Ungläubige Zuschauer, ein verdutzter Ringrichter, sprachlose Kommentatoren und vor allem: ein Promotor, der seinen Schützling wohl am liebsten selbst K. o. geschlagen hätte.
Es waren beklemmende Szenen. Noch einmal überredete der Ringrichter den 29-Jährigen, den Kampf fortzusetzen. Noch einmal raffte sich Kretschmann auf. Doch wenig später drehte er wieder ab. Diesmal kassierte er vom Russen sogar noch einen Schlag in den Nacken. Und fast hätte der Ringrichter der Farce noch eine weitere Drehung gegeben: Er plädierte nämlich auf Disqualifikation des Russen, weil dieser nach seinem „Stopp“ nachgeschlagen hatte. Fast wäre ein Boxer, der nicht mehr boxen wollte, zum Sieger erklärt worden.
Doch nach minutenlangen Diskussionen setzte sich Promotor Ahmet Öner durch: „Ich habe auf den Ringrichter eingewirkt, das zu lassen. Ich hatte keine Lust auf eine tobende Halle und ich will nicht so einen desolaten Sieger haben“, sagte er. Im Ring hob er sogar die Hand des Russen in die Höhe. „Gegen wen soll ich Kretschmann noch boxen lassen? Gegen meine Mutter?“
Marionette einer TV-Show
Kretschmann wird wohl nie wieder boxen. Dabei sollte er als die neue deutsche Schwergewichtshoffnung aufgebaut werden. Dabei sollte er als neuer Held des TV-Senders Sat1 dienen. Immerhin stieg der deutsche Privatsender nach neun Jahren Abstinenz wieder in den Boxsport ein. Kretschmann wurde in einer vierteiligen Doku-Soap zum deutschen Rocky hochgepusht. Der 1,96-Meter-Mann hatte als Amateur in 122 Kämpfen nur 19 Niederlagen kassiert. Als der dreifache deutsche Meister 2006 zu den Profis wechselte, verdrosch er seine Gegner nach Strich und Faden. 14 Kämpfe, 13 K.-o.-Siege. Doch vergangenen Juni kam der Russe Bachtow und schickte Kretschmann in der ersten Runde auf die Bretter.
Schon während der Vorbereitung seines Comebacks zeigte Kretschmann Symptome eines Burn-out. Nur widerwillig fügte er sich den Anweisungen des Regisseurs, wirkte lethargisch. Früh kamen die Befürchtungen, er könne den medialen und emotionalen Druck nicht verkraften. Doch längst war Kretschmann die Marionette eines Promotors und eines Münchner Privatsenders.
„Wir alle arbeiten hart und der Typ quittiert den Dienst“, schäumte Boxpromotor Öner nach dem Kampf. In den ersten vier Runden hatte Kretschmann den Fight kontrolliert. Nur fehlte die letzte Konsequenz. „Der Killerinstinkt“, wie es in der Boxersprache heißt. Mehrmals hatte er den Russen in der Ecke – und setzte nicht nach. Promotor Öner hätte in solchen Momenten wohl keine Sekunde gezögert. Erst im Februar war er wegen Erpressung und Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Dem Gefängnis entging er nur, weil er sich freiwillig einem speziellen Antiaggressionstraining unterzog.
Ab der vierten Runde hört Steffen Kretschmann auf, seinem Gegner wehzutun. Er will nicht mehr. Er kann nicht mehr. Erst in der neunten Runde hört er tatsächlich auf. Traurig steht er in der Ringecke. Die Halle pfeift ihn aus. „So ein Feigling“, brüllt Promotor Oner.
AUF EINEN BLICK
■Steffen Kretschmann gab den Schwergewichtskampf gegen den Russen Dennis Bachtow auf.
■Arthur Abraham kassierte in Detroit im 32. Profiboxkampf die erste Niederlage. Er wurde disqualifiziert. Andre Direll (US) war ausgerutscht. Abraham schlug den am Boden sitzenden Gegner auf die Schläfe und somit K. o.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2010)