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OeNB-Chef Nowotny sorgt sich mehr um deutsche Wirtschaft als um Brexit

Autostadt Volkswagen AG Deutschland Germany Wolfsburg Niedersachsen Lower Saxony 28 04 2016 In
Nowotny sorgt sich um deutsche Autoindustrie.imago/IPON
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Es sei unklar, ob die prognostizierte Rückgang des Wachstum strukurell bedingt sei oder an Sonderfaktoren liege, sagt Nowotny. Die große Abhängigkeit vom Export sei auch eine Schwäche des Nachbarn.

Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands beunruhigt OeNB-Chef und EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny derzeit noch mehr als etwa der anstehende EU-Ausstieg der Briten ("Brexit") oder die politische Entwicklung in Italien. "Wenn ich ganz ehrlich bin, am meisten Sorgen macht mir Deutschland", räumt er in einem Interview mit dem deutschen "Handelsblatt" (Donnerstagsausgabe) laut Vorabdruck ein.

Die jüngsten Prognosen gingen von einem massiven Rückgang des Wachstums in dem Nachbarland aus. "Die große Frage ist, ob das an Sonderfaktoren liegt oder doch strukturelle Gründe hat", sagt der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank. Von den Wirtschaftsforschungsinstituten gebe es dazu sehr divergierende Einschätzungen. Innerhalb der Europäischen Zentralbank sei der überwiegende Eindruck, dass dies auf Sonderfaktoren wie die Emissionstests in der Autoindustrie zurückzuführen sei. "Ich hoffe, das stimmt", so Nowotny. "Mich wundert nur, dass auch andere Länder wie Frankreich von den neuen Emissionstests betroffen sind - und dort gibt es diesen Effekt nicht."

Starke Abhängigkeit vom Ausland

Deutschland sei bei weitem das größte und wichtigste Land für die Dynamik der Eurozone. Der Export sei zwar "Deutschlands große Stärke, aber auch eine Schwäche". Damit sei eine starke Abhängigkeit von Entwicklungen im Ausland verbunden. "Die aktuellen Risikofaktoren, die wir als EZB sehen, wie geopolitische Faktoren, würden Deutschland besonders treffen." Auch die Ausrichtung der Exporte auf die USA und China sei "tendenziell gefährlicher als zum Beispiel die Exportstruktur in Österreich".

Die Entwicklung in Italien sei "zweifellos problematisch". Zuletzt seien die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen aber nicht weiter gestiegen. Viel hänge vom Verhalten der italienischen Regierung ab. "Die aktuelle Politik dort ist langfristig nicht durchhaltbar", konstatierte Nowotny.

Risiken in Eurozone mehren sich

Dass die Risiken in der Eurozone in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen hätten, glaubt der österreichische Notenbankchef nicht. Zwar gebe es einzelne Risiken, die in den vergangenen Monaten gestiegen seien - so etwa geopolitische Faktoren, die Gefahr von Protektionismus oder Probleme in den Schwellenländern. "Das sind aber alles Dinge, die nicht spezifisch für die Eurozone sind." Die Weltwirtschaft als Ganzes sei "vielleicht von stärkeren Risiken berührt". Das ändere sich aber sehr schnell. "Manche Risiken kommen und andere verschwinden." Die EZB sehe jedenfalls keine Rezession.

Den jüngsten Vorstoß der EU-Kommission, die internationale Rolle des Euro zu stärken, hält Nowotny für "sehr sinnvoll". "Es ist ja ein beschämender Zustand, dass die USA über den Einsatz des Dollars sämtliche politischen Beschlüsse der EU aushebeln können", vermerkte er. Bei der Frage, ob der Euro wirklich dem Dollar den Rang ablaufen könne, müsse man unterscheiden: Bei der Zahlungsverkehrsfunktion sei der Euro dem Dollar bereits fast ebenbürtig. "Das große Manko ist, dass der Euro als Reservewährung keine große Rolle spielt", betonte Nowotny.

Keine Bereitschaft für europäisches Wertpapier

Das liege daran, dass die USA über einen gut ausgebauten und sehr liquiden Kapitalmarkt in Form von US-Staatsanleihen verfügten. "Das gibt es im Euroraum nicht." Vielmehr stünden dem großen und liquiden Kapitalmarkt des Dollars sehr viele kleinere und weniger liquide Kapitalmärkte der europäischen Einzelstaaten gegenüber.

"Die wichtigsten Schritte, um den Euro zu stärken, wären daher ein gemeinsamer europäischer Kapitalmarkt und ein sicheres europäisches Wertpapier", schlägt der OeNB-Chef und EZB-Rat vor. Das müssten keine Euro-Bonds sein, da würde es auch andere Möglichkeiten geben. "Aber es gibt derzeit leider keine politische Bereitschaft in diese Richtung."

(APA)