Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Warum es nicht schadet, wenn Europa den Saubermann spielt

In Österreich wird nur ein Drittel des Plastikmülls wiederverwertet, in anderen EU-Staaten deutlich weniger.
In Österreich wird nur ein Drittel des Plastikmülls wiederverwertet, in anderen EU-Staaten deutlich weniger.(c) REUTERS (Johannes Christo)
  • Drucken
  • Kommentieren

Ein paar Plastikprodukte aus den europäischen Regalen zu verbannen ist reine Symbolpolitik. Aber beim Recycling Vorreiter zu sein kann sich lohnen.

Es wäre so einfach und auch etwas billig, an dieser Stelle die Feder zu spitzen. Gewiss, die europäische Einigung in Sachen Plastik lässt sich ins Lächerliche ziehen. Wir wollen also mit einem Verbot von Luftballonhaltestäben die Welt retten? Gutes Gelingen! Nur zwei Prozent des globalen Kunststoffmülls im Meer stammen aus Europa, das Gros aus Asien und Afrika. Hierzulande verbrennen wir eh alles, was wir nicht wiederverwerten, während der Abfall der anderen in Flüssen und Meeren landet. Es befriedigt doch nur unser Gewissen, wenn wir unseren Coffee-to-go aus biologisch abbaubaren Strohhalmen schlürfen. Im Pazifik wird deshalb keine einzige Meeresschildkröte weniger sterben. Außerdem belasten doch angeblich Papiersackerln und Glasflaschen die Umwelt um nichts weniger als die Alternativen aus Plastik. Damit wäre die allseits beklatschte Brüsseler Heldentat in Wahrheit naive Symbolpolitik, einzig dazu da, unsere ökologisch sensibilisierten Seelen zu streicheln. Und die heimische Chemieindustrie durch Verbote und Zwänge zu schädigen. Wenn sie im knallharten Wettbewerb unterliegt, reibt sich globale Konkurrenz die Hände.

Das alles ist nicht ganz falsch, aber dennoch falsch gedacht. Zunächst: So sauber steht Europa nicht da. In Österreich wird nur ein Drittel des Plastikmülls wiederverwertet, in anderen EU-Staaten deutlich weniger. Weshalb eine EU-Richtlinie vom Februar eigentlich viel wichtiger war: das verbindliche Ziel, bis 2025 die Hälfte zu recyceln. Aber das klingt nicht so glamourös und resolut wie ein Verbot von Wattestäbchen aus dem verpönten Material. Und diese Zeitungsredaktion gesteht: Wir haben die Meldung von damals in einen Einspalter verpackt.

Zurück zum Müll. Was geschieht mit dem nicht recycelten Rest? Hierzulande wird er „thermisch verwertet“ (was nicht einmal schöngefärbt ist, denn Fernwärme hat ja auch ihr Gutes). Anderswo in Europa mangelt es auch an Müllverbrennungsanlagen. Also wurden entsorgte Sackerln und Folien bisher containerweise nach China verschifft. Was die dort damit machen, war uns egal. Aus den Augen, aus dem Sinn. Bis die Chinesen zu Jahresbeginn einen Importstopp verhängten. Die finden zugemüllte Flüsse und Meere nämlich auch nicht mehr so toll.

Womit wir beim nächsten Denkfehler wären: Anders als beim Klimawandel leiden unter Plastikmüll alle ähnlich. In Europa fällt zwar nur vergleichsweise wenig an, doch das dicht besiedelte, fast abgeschlossene Mittelmeer ist trotzdem stärker betroffen als weite Ozeane. Nicht nur wir ekeln uns vor Stränden, die Müllhalden gleichen, sie trüben auch die Freizeitfreuden der Chinesen und Japaner. Studien weisen Mikroplastik in Meerestieren und Menschen nach. Es wird nicht lange dauern, dann heißt es: Die Partikel, an die sich leicht Schadstoffe anhaften können, machen uns krank. Und selbst wenn man nicht gleich daran stirbt, anders als an Smogglocken über Peking: Auch den Menschen in Asien vergeht dann der Appetit auf Fisch.

Allenfalls die Gewissensqual, die uns bei Bildern von strangulierten Walen und erstickten Delfinen befällt, mag noch ein Luxusproblem sein. Aber auch das ändert sich. Weil in den Schwellenländern mit dem Wohlstand auch das Umweltbewusstsein steigt, aber auch, weil sich das Wissen über Missstände über soziale Netzwerke rascher verbreitet. Was dazu führt, dass arme afrikanische Länder wie Ruanda und Kenia Plastiksackerln vor uns verboten haben. Wenn aber das Thema alle betrifft, relativiert sich auch der Schaden für die Chemieindustrie. Die Hersteller von Strohhalmen aus alternativem Material machen künftig nicht nur in der EU mehr Umsatz, sie expandieren weltweit. Und das Know-how, wie man Abfälle sammelt und wiederverwertet, taugt zum europäischen Exportschlager.

Halt, da war noch was: Sackerln aus Papier und Flaschen aus Glas sind auch nicht besser? Stimmt. Aber da gibt es ja noch Trinkwassersprudler und Stofftaschen, die man Hunderte Male verwenden kann. Der beste Müll ist eben der, den man vermeidet. Das ist freilich eine Erkenntnis, für die es weder Studien noch EU-Verbote braucht. Sondern nur ein wenig Hausverstand.

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2018)