Schnellauswahl

2019: Noch mehr Flüge - noch mehr Chaos?

Fotomontage aus dem November 2016: Diese Flugzeuge starteten am Vormittag des 2. 11. 2016 innerhalb einer Stunde am Londoner Flughafen Heathrow
Fotomontage aus dem November 2016: Diese Flugzeuge starteten am Vormittag des 2. 11. 2016 innerhalb einer Stunde am Londoner Flughafen Heathrow(c) Getty Images (Dan Kitwood)
  • Drucken

Der wachsende Wohlstand in Asien ist einer der Haupttreiber für das Wachstum der Luftfahrt. Gerade in Europa zeigen sich aber schon die Grenzen - die Airlines versprechen Besserung.

Volle Flughäfen, streikende Lotsen und Piloten, massenhafte Verspätungen und Flugausfälle: Der Sommer 2018 war in Europa nichts für Passagiere mit schwachen Nerven. Während die Luftverkehrsbranche in Europa heuer einer Belastungsprobe sondergleichen ausgesetzt war, geht das Wachstum global ungebrochen weiter. Vor allem die aufstrebenden Volkswirtschaften in Asien sorgen dafür, dass immer mehr Menschen und Waren mit dem Flugzeug unterwegs sind.

Der internationale Airline-Verband IATA blickt deshalb optimistischer auf 2019 als zuletzt. Grund ist nach der Steigerung der US-Produktion vor allem der stark gefallene Ölpreis, der für die Firmen einen gewissen Puffer bedeutet. Die Experten erwarten 2019 einen durchschnittlichen Kerosin-Preis von gut 81 Dollar je Fass - nach fast 88 Dollar im zu Ende gehenden Jahr.

Der Weltluftfahrtverband rechnet daher für 2019 global mit dem zehnten Nettogewinn-Jahr in Folge, wie Chefökonom Brian Pearce erklärt. Die Airlines dürften 35,5 Mrd. Dollar (31,1 Mrd. Euro) Gewinn machen, 2018 sollten es 32,3 Mrd. Dollar sein.

Der Treibstoff bleibt freilich einer der Knackpunkte der Entwicklung: Denn das Hedging, also die Vorauskontrakte, mit denen sich Fluggesellschaften gegen stark steigende Preise absichern, kann sich nun bei einem fallenden Ölpreis ins Gegenteil verkehren.  Da diese Maßnahme in der Regel eher von den großen Gesellschaften wie Lufthansa oder Ryanair betrieben wird, hätten nun die kleineren, finanzschwächeren Airlines einen Vorteil. Treibstoff ist der größte Kostenblock in der Fliegerei.

Allerdings konnte auch ein historisch niedriger Ölpreis die Pleiten von Air Berlin und Niki nicht verhindern. Insolvenzen wird es zu jeder Zeit geben, sind die Fachleute überzeugt.

Die Nachfrage der Passagiere steigt 2019 laut IATA zwar nicht mehr ganz so schnell, sollte aber immer noch weltweit um stattliche sechs Prozent auf 4,6 Milliarden Fluggäste zulegen. Es ist vor allem die global wachsende Mittelschicht, für die Flugreisen ungeachtet aller negativen Klimafolgen eine erschwingliche Alternative darstellen. Deutsche-Bank-Analyst Eric Heymann sieht zudem transparentere Ticketpreise, leistungsfähigeres Fluggerät und den weiteren Ausbau der Infrastruktur als Gründe.

"Grenzen erreicht"

Anders sieht die Sache im reifen europäischen Markt aus. Engpässe an den Flughäfen und bei den Flugsicherungen trugen reichlich zum Chaos-Sommer bei, der mit bisher in dieser Häufigkeit nicht gekannten Verspätungen und Ausfällen negativ auffiel. "Das System hat seine Grenzen erreicht", stellt der europäische Airline-Verband A4E fest - und verlangt gebetsmühlenartig mehr politischen Druck für den eigentlich schon 2004 verabredeten einheitlichen europäischen Luftraum (Single European Sky), den es jedoch auch 2019 nicht geben wird.

Auch vor der eigenen Haustür wollen einige Fluggesellschaften kehren: Nach dem Durcheinander von 2018 setzen sie alles daran, dass sie im neuen Jahr deutlich weniger Flüge streichen müssen - und dass auch die Zahl der Verspätungen zurückgeht. So versprechen die Lufthansa-Tochter Eurowings und der zum Reisekonzern Thomas Cook gehörende Ferienflieger Condor, mehr Ersatzflugzeuge bereitzuhalten.

Eurowings will zudem vermeiden, dass sich Probleme aus dem Ausland - etwa durch Streiks französischer Lotsen - erneut auf innerdeutsche Verbindungen übertragen. Geschäftsführer Oliver Wagner lässt daher einen Teil der Flotte nur noch innerhalb Deutschlands rotieren und will den anderen Teil ausschließlich auf Auslandsstrecken einsetzen.

Zwei Mrd. Dollar für Entschädigungen

Ursache der Änderungen sind nicht nur der Ärger der Passagiere und der entstandene Image-Schaden für die Airlines. Die Entschädigungen für die betroffenen Fluggäste schlugen bei einigen Anbietern teuer zu Buche, mehrere kleine Firmen wie Small Planet oder Azur Air stellten einen Insolvenzantrag. Die IATA schätzt, dass die Fluglinien für Entschädigungen europaweit rund zwei Mrd. Dollar zahlen mussten.

Die Thomas-Cook-Airlines samt Condor treten bei ihrem zuletzt stark gewachsenen Flugangebot wieder auf die Bremse. "Wahrscheinlich nehmen wir die Flugkapazität in der Hauptsaison im Sommer 2019 um etwa 4 Prozent zurück", sagte Airline-Chef Christoph Debus kürzlich der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Der weltgrößte Reisekonzern TUI hält dagegen. "Wir bauen die Kapazität aus, wir wollen Marktanteile gewinnen", kündigte TUI-Chef Fritz Joussen an.

Der fBrexit könnte weitere Verwerfungen bringen. So droht bei einem ungeregelten Brexit weiterhin ein teilweiser Stillstand im Luftverkehr - auch wenn die Politik das natürlich vermeiden will. "Ohne Deal brauchen wir dringend einen Notfallplan. Aber selbst das wird wahrscheinlich kaum reichen, um kurzfristig Störungen zu vermeiden", warnt IATA-Regionalmanager Rafael Schvartzman.

Nicht nur Flüge von und nach Großbritannien könnten betroffen sein. Nach einem Brexit befänden sich auch die deutschen Ferienflieger Condor und TUIfly nicht mehr mehrheitlich in EU-Eigentum. Die Konzerne rüsten sich mit Notfallplänen, damit ihre Maschinen auch bei einem ungeregelten Brexit nicht am Boden bleiben müssen. Der irische Billigflieger Ryanair will die Stimmrechte von Nicht-EU-Aktionären begrenzen - um auf diese Weise seine Flugrechte zu sichern.

(dpa/eid)