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"Nanouk": Der Himmel liegt im ewigen Eis

Auf dem Permafrostboden Jakutiens lebt der titelgebende Rentierjäger Nanouk mit seiner todkranken Frau, Sedna (Laiendarstellerin Feodosia Ivanova).
Auf dem Permafrostboden Jakutiens lebt der titelgebende Rentierjäger Nanouk mit seiner todkranken Frau, Sedna (Laiendarstellerin Feodosia Ivanova).(c) Filmladen
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Das durchdachte Inuit-Drama „Nanouk“ erzählt von einem alten Ehepaar, das fern der Zivilisation in der russischen Eiswüste lebt – und von der Erlösung unter der Erde träumt.

Nanouk, ein betagter Rentierjäger aus dem nordöstlichen Teil Russlands, spielt am Regler seines neuen Transistorradios herum. Das Gerät hat ihm der Sohn dagelassen, der in der Stadt lebt und schon wieder abgereist ist. Plötzlich erklingt das Adagietto aus der fünften Sinfonie von Gustav Mahler, das von seinem taumelnden Rhythmus zwischen zärtlich-schwermütigen und dynamisch-pathetischen Passagen lebt; das im fließenden Wechsel das Gefühl von Wehmut und Aufbruch auslöst – als würden sich beide Empfindungen abstoßen, wieder zueinander finden, sich gegenseitig mäßigen und dann wieder anstacheln. Mahler soll es aus noch unsicherer Liebe zu seiner späteren Ehefrau komponiert haben, als er zwischen ängstlichem Zögern und hoffendem Begehren schwankte.

Mit starrem Blick erzählt Sedna, die todkranke Gattin von Nanouk, dass sie letzte Nacht geträumt habe, ein freundlicher junger Mann, der vorher mehrere Verwandlungen durchgelaufen hatte (vom Säugling zum Buben zum Eisbär), hätte sie in ein Erdloch mitgenommen. Immer tiefer seien sie darin vorgedrungen. Alle Sterne wären dort hineingefallen. Ein herrlicher Ort, schwärmt sie. So hell, dass sie geblendet war und alles Irdische vergessen hätte.

Das halb spiritualistische, halb zivilisationskritische Inuit-Drama des bulgarischen Regisseurs Milko Lazarovs handelt von zwei Menschen, auf die der Tod nicht mehr lang zu warten hat. Nanouk spricht, wenn überhaupt, nur in poetischen Allegorien und Anekdoten. „Die Leute in dieser Welt reden, schlafen und essen“, meint er lakonisch. Mit einer ähnlichen Haltung glaubt man am Anfang des Films bloß banale Alltagsbeschreibungen präsentiert zu bekommen. Aber mit der Zeit kristallisiert sich ein durchdachtes Werk von großer emotionaler und ästhetischer Komplexität heraus.

 

Der Klimawandel wird spürbar

Zum Zerwürfnis mit der Tochter – sie ist vor langer Zeit von zu Hause geflüchtet und nie wiedergekommen –, unter dem die Frau offener leidet, hüllt Nanouk sich in eisiges Schweigen. Die Beziehung zwischen den Eheleuten gefriert darüber aber nicht zu einer kalten, erstarrten Partnerschaft. Dafür sind die Lichter und Farben in ihrem Heim zu warm, die Zärtlichkeit und der Humor zwischen ihnen zu stark ausgeprägt. Selbst der sorgsame Augenkontakt scheint ihnen nie abhandengekommen zu sein. Nanouk bemerkt, dass es heuer wieder weniger geschneit hat. Zugleich hat eine mysteriöse Krankheit unter den Wildtieren zu einem Massensterben geführt. Der Klimawandel zeigt seine ersten Symptome.

Interessant ist, dass Himmel und Erde in dem Traum von Sedna die Rollen getauscht haben, die ihnen in den abrahamitischen Religionen zufallen. Erlösung wird nicht oberhalb der Himmelskuppel, sondern unterhalb der Sedimente im ganzjährig gefrorenen Eisboden verortet. Dort gibt es keine Kondensstreifen, keine Transporthubschrauber, die jede Stille zerstören. Bloß den unberührbaren und deshalb sakral gebliebenen Sternen wird noch genug Vertrauen geschenkt, dass man ihnen Einlass in den fantasierten Untergrund gewährt.

Kamera und Handlung kreisen um allerhand weitere, nicht bloß in Träumen vorkommende Löcher. Die gleißende Sonne brennt eines in die Landschaftsbilder. Nanouk kratzt eines in die dicke Frostdecke. Die nicht heilen wollende Wunde am Körper von Sedna ist ebenfalls ein Loch. Und das Finale spielt am aufgeschaufelten Eingang zu einem der tiefsten Tagebauen der Welt. Ein letztes Mal erklingt das Adagietto. Eine Figur weint. Eine andere lächelt. Eine mögliche Umarmung liegt in der Schwebe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2018)